Autor Thema: Das Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in Rechnitz  (Gelesen 2202 mal)

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Offline md11

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Hallo,
hab hier einen Bericht gefunden:

Massenmord als Partygag?
Historiker streiten über eines der spektakulärsten Nazi-Verbrechen in Österreich. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 waren in Rechnitz ungefähr 200 jüdische Ungarn ermordet worden, die Leichen wurden bis heute nicht gefunden. Die „FAZ" veröffentlichte letzte Woche einen Aufsatz des britischen Journalisten David R. L. Litchfield. Er behauptet, einigen Gästen eines Festes der Gräfin Margit von Batthyäny, geborene Thyssen-Bornemisza, auf Schloss Rechnitz sei die Mordaktion als „zusätzliche Unterhaltung" von NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Podezin angeboten worden. Die Gäste hätten das Angebot angenommen. Doch Experten widersprechen Litchfield nun.

Der Engländer verbreite nur „Geraune und Hörensagen", kritisiert der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz. „Es war unbestritten ein Massenmord, aber nicht aus einer Partylaune heraus. Überall wurden damals Marschunfähige umgebracht", sagt Winfried Garscha vom renommierten Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.

Garscha verweist auf die Ermittlungsakten nach 1945. Danach zählten die Opfer zu jenen Tausenden von jüdischen Ungarn, die seit Herbst 1944 für den Bau des „Südostwalls" schuften mussten. Am 24. März brachte ein Zug 600 dieser Zwangsarbeiter von Köszeg im benachbarten Ungarn über Rechnitz nach Burg im Burgenland. Da ungefähr 30 Prozent von ihnen krank und geschwächt waren, wurden diese zurück nach Rechnitz transportiert, wo sie am frühen Abend eintrafen. Unterdessen liefen auf dem Schloss der Gräfin die Vorbereitungen für ein „Gefolgschaftsfest", das um 21 Uhr begann: Die Rote Armee stand kurz vor Rechnitz, und Untergangsfeiern lokaler Nazi-Größen gab es an vielen Orten. Der Mord war nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft jedoch schon vorher beschlossen.
Einer der Beschuldigten gab dies an. Auch war der Fahrer, der die Opfer zur Hinrichtung bringen sollte, bereits für 21 Uhr bestellt, um 22 Uhr wurden andere Zwangsarbeiter geholt, um die Leichengruben auszuheben. Überall im Reich wurden 1945 beim Herannahen der Roten Armee jüdische Häftlinge Richtung Westen getrieben; wer nicht weiterkonnte, wurde umgebracht. In dieses Muster passt der Mord von Rechnitz. Als die Vorbereitungen zum Verbrechen abgeschlossen waren, holte NSDAP-Ortschef Podezin gegen 23 Uhr eine Gruppe loyaler Regimeanhänger zusammen, die mit ihm auf der Feier waren, und befahl, so die Ermittler, mit ihm zu einer Scheune zu fahren und die Juden zu ermorden, was dann auch geschah. Für Litchfields Version lässt sich nur die Spekulation anführen, dass sich die Beschuldigten mit dem Hinweis auf einen Befehl Podezins herausgeredet haben könnten; Podezin war - vermutlich mit Hilfe der Gräfin - 1945 untergetaucht. Die Leichen wurden offenbar von 18 weiteren Juden vergraben, die dann am nächsten Abend ebenfalls ermordet wurden, um das Verbrechen zu verbergen. In Österreich ist der Fall seit Jahrzehnten ein Politikum, weil viele Rechnitzer die Aufklärung boykottierten. 1946 wurde ein Zeuge sogar ermordet, andere Zeugen starben bei merkwürdigen Unfällen. Inzwischen hat sich in Rechnitz immerhin die Gedenkinitiative Refugius etabliert. Deren Leiter Paul Gulda hegt den Verdacht, dass Litchfield mit seiner reißerischen Version lediglich Aufmerksamkeit erreichen wolle.
Quelle:Der Spiegel 22.10.2007

Bild:Margit von Batthyany in Wien 1942

mfg
Josef
« Letzte Änderung: Fr, 25. Juni 2010, 13:03 von Adjutant »

Offline md11

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Re: Das Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in Rechnitz
« Antwort #1 am: Sa, 29. Dezember 2007, 20:19 »
Der Kreuzstadl bei Rechnitz im Burgenland ist die Ruine eines ehemaligen Gehöfts, bei dem in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 ungefähr 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden.

In der Umgebung von Rechnitz, des Wohnorts des stellvertretenden Gauleiters für die Steiermark, Tobias Portschy, befanden sich in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs an die 600 Zwangsarbeiter, die den so genannten Südostwall Hitlers bauen sollten. 180 von ihnen, vor allem ungarische Juden, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten konnten, wurden am Gründonnerstag von Teilnehmern eines im Schloss Batthyány von Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza abgehaltenen Festes erschossen. Hauptverantwortlich für das Massaker soll der örtliche Gestapoführer Franz Podezin sein, der sich durch Flucht der Justiz entzog und heute in Südafrika vermutet wird.
Das Massaker ereignete sich ganze zehn Tage bevor die Rote Armee Rechnitz erreichte.

Trotz intensiver Suche und Grabungen in den Jahren 1966-69 und 1993 konnte der Ort des Massengrabes bis heute nicht gefunden werden, das Areal rund um den Kreuzstadl ist nur die vermutete Stätte des Massengrabes.

Um den Erhalt des Kreuzstadls als Mahnmal für alle Opfer des Südostwallbaus bemüht sich seit Anfang der 90er-Jahre die Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S. (in Anlehnung an das lateinische Wort refugium = Zufluchtsort). So wurde 1993 der Kreuzstadl durch eine Spendenaktion von Marietta Torberg, dem Bildhauer Karl Prantl und David Axmann angekauft und an den Bundesverband Israelitischer Kultusgemeinden übergeben. Die Ruine des Kreuzstadls ist als Mahnmal gestaltet worden, wo jährlich um den 24. März eine Gedenkveranstaltung durchgeführt wird.

2005 wurden neuerlich menschliche Überreste gefunden. Untersuchungen sollen klären, ob es sich bei der Fundstelle um das Massengrab handelt. Da hier die Frontlinie beim Rückzug der Wehrmacht verlief, könnte es sich aber auch um gefallene Soldaten handeln.

Die Geschehnisse um den Kreuzstadl und die jahrelange Suche nach dem Massengrab in Rechnitz sind Thema des Dokumentarfilms "Totschweigen" (A Wall Of Silence) von Margareta Heinrich und Eduard Erne. Auch das am 24. März 1995 in Oberwart uraufgeführte Stück März. Der 24. des burgenländischen Autors Peter Wagner handelt vom Massaker von Rechnitz.
Quelle:Wikipedia

Hier noch was dazu über dieses Thema:

Nachkriegsjustiz

Kreuzstadl

mfg
Josef
« Letzte Änderung: Sa, 29. Dezember 2007, 20:37 von md11 »

Offline md11

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Re: Das Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in Rechnitz
« Antwort #2 am: Sa, 29. Dezember 2007, 20:28 »
Die Spur verliert sich in Südafrika

Das Massaker von Rechnitz wurde vor kurzem in der Presse aufgegriffen. Bei diesem Massaker wurden 180 jüdische Zwangsarbeiter in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 im österreichischen Rechnitz ermordet. Der Umstand dass dies während einer Feier lokaler Nazi-Größen von den Gästen getan wurde und das ein Mitglied des Thyssen-Clabs involviert war machte den Fall anscheinend besonders spektakulär. Andere, weniger spektakuläre, Fälle fielen dabei unter den Tisch. Bereits Anfang März 1945 waren in Rechnitz 220 ungarische Juden erschossen worden.
Insgesamt wurde der Fall in der Presse eher als abgeschlossen und weit zurückliegend wiedergegeben. Dabei wurde nie einer der Täter zur Rechenschaft gezogen und es ist unklar ob die Täter nicht noch leben könnten.
Der mutmaßliche Haupttäter ist der SS-Sturmscharführer Franz Podezin (* 1911) aus Wien. Podezin war Ortsgruppenleiter der NSDAP von Rechnitz, SS-Sturmscharführer und Kriminalassistent bei der Grenzpolizei in Rechnitz/Burgenland.
Nach 1945 arbeitete Podezin als westalliierter Agent in der DDR.
Im Jahr 1963 wohnte er in Kiel und floh kurz vor seiner Festnahme über die Schweiz nach Valencia (Spanien) nach Südafrika (damals noch unter der rassistischen Herrschaft der weißen Minderheit). Die letzte Anschrift von Franz Podezin im Jahre 1973 lautet: 1 Briley Court, De Jager Street, Hillbrow, Johannesburg.
Vermutlich ist Podezin inzwischen verstorben. Aber der Fall ist recht beispielhaft. Lange unbehelligt, dann anscheinend vorgewarnt entzieht sich der Verdächtige. Fluchtorte sind die Nazi-Fluchthochburg, die Mittelmeerküste in Franco-Spanien, und Apartheits-Südafrika.
Kein Einzelfall. In Südafrika scheinen allgemein einige ehemalige Nationalsozialisten untergekommen zu sein. So soll die NS-Kriegsverbrecher-Organisation in Südafrika einen Ableger unterhalten haben.
Und von einigen auch namentlich bekannten Ex-Waffen-SS-Mitgliedern (z.B. Wilhelm Beissner, Dr. H.G. Migeod) ist bekannt, dass sie in Südafrika lebte(n?). Der Afrika-Söldner und Ex-Wehrmachtler „Kongo-Müller“ berichtete auch, dass der Ex-Wehrmachts-Oberst Graf Pueckler seinen Lebensunterhalt in Südafrika durch den Verkauf von spanischen Maschinen gefunden hätte.
Später kamen noch deutsche Nachkriegsnazis hinzu, die sich in Südafrika ansiedelten um ihren Traum vom Herrenmenschen zu leben.

Quelle: Gute Kameraden, in: Süddeutsche Zeitung, 25.10.2007 von Stefan Klemp

mfg
Josef

 


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