Autor Thema: Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption  (Gelesen 2606 mal)

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Offline Thomas

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Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption
« am: Mo, 25. Februar 2013, 17:56 »
 Die Erinnerungs- und Gedenkkultur in Potsdam, die sich seit 1990 entwickelt hat, zeichnet sich vor allem durch gesellschaftliches Engagement und Pluralität aus. Ehrenamtlich arbeitende Initiativen, politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger, Schülerprojekte und Zeitzeugen haben mit ihren Recherchen zum Entstehen vieler Gedenk- und Erinnerungsorte beigetragen, sie tragen Sorge für ihren Erhalt und richten Veranstaltungen aus: Denkmale, Ehrengräber, Gedenk- und Erinnerungstafeln, Gedenkstelen, Gedenk- und "Stolpersteine", weisen, oftmals an einem historischen Ort, auf Erinnernswertes und Denkwürdiges hin.

Allein die Liste der im Laufe eines Jahres begangenen Gedenktage ist lang. Die Landeshauptstadt Potsdam hat die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Erinnerung an begangene Verbrechen und die Würdigung der Verfolgten und Opfer immer als gemeinsame Aufgabe der Verantwortlichen in der Kommunalpolitik und der Zivilgesellschaft verstanden. Sie richtet selbst jährlich wiederkehrende Gedenkveranstaltungen aus und der Oberbürgermeister beteiligt sich regelmäßig an entsprechenden Veranstaltungen von Vereinen und Initiativen.

Längst wird in Potsdam nicht mehr nur der herausragenden Persönlichkeiten der Stadtgeschichte, der Verfolgung und des Widerstandes im Nationalsozialismus oder der Zerstörung jüdischen Lebens gedacht, hinzugekommen sind Erinnerung und Gedenken an die Kriege des 20. Jahrhunderts, an die Zerstörung Potsdams im Zweiten Weltkrieg, an Nachkriegsordnung, Vertreibung und den Neubeginn nach 1945, an politische Verfolgung in der der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, an die deutsche Teilung, aber auch an die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung. Traditionelle Formen des Gedenkens wurden modifiziert, ganz neue sind hinzugekommen. Von mehreren Seiten wurde - in letzter Zeit wieder vehementer - ein Gedenkkonzept für die Stadt Potsdam angemahnt. Der Landehauptstadt Potsdam als "Bürgerkommune" ist es ein Anliegen, die Rahmenbedingungen für gesellschaftliches Engagement in der Stadt zu verbessern und die Vernetzung der aktiven Bürgerinnen und Bürger untereinander sowie die Kommunikation mit der Verwaltung zu stärken.

Angesichts der Bandbreite, angesichts der thematischen Vielfalt sowie einer Vielzahl von Akteuren, die das Gedenken in Potsdam aktiv und verantwortlich mitgestalten, ist die Landeshauptstadt Potsdam der Meinung, dass ein Konzept zum Erinnern und Gedenken nur in einem öffentlichen und transparenten Diskussionsprozess zustande kommen kann, mit dem das Ziel verfolgt wird, Leitlinien für eine demokratische Erinnerungskultur zu formulieren.

In diesem Sinne laden wir alle Potsdamerinnen und Potsdamer dazu ein, sich an einer systematischen Bestandsaufnahme zur zeitgeschichtlichen Gedenk- und Erinnerungskultur zu beteiligen, bisher vernachlässigte Themen- und Handlungsfelder zu identifizieren und gemeinsam Perspektiven und Aufgaben der Gedenk- und Erinnerungskultur in Potsdam weiterzuentwickeln. Zur Vorbereitung einer Diskussionsveranstaltung über das öffentliche Gedenken in Potsdam, die am 26. März 2013 von 17 bis 21 Uhr im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Konferenzraum) stattfinden wird, sind alle interessierten Bürgerinnen und Bürger der Landeshauptstadt dazu aufgerufen, auf der Grundlage des Fragenkatalogs ihre Vorstellungen einer städtischen Erinnerungs- und Gedenkkultur zu skizzieren.

Die Landeshauptstadt Potsdam hat verschiedene Akteure und Institutionen angeschrieben, möchte aber an dieser Stelle gezielt dazu aufrufen, sich am Diskussionsprozess zu beteiligen.

Die Stellungnahmen, die bis zum 1. März 2013 unter info@gedenkkonzept-potsdam.de eingehen, werden, wie bei anderen Bürgerbeteiligungsverfahren, auf den Internetseiten der Stadt Potsdam allen anderen Interessenten zur Verfügung gestellt und als Diskussionsgrundlage in einer Synopse zusammengefasst.


« Letzte Änderung: Mo, 25. Februar 2013, 17:58 von Thomas »
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Offline Thomas

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Re: Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption
« Antwort #1 am: Mo, 25. Februar 2013, 18:03 »
Original http://www.potsdam.de/cms/beitrag/10114492/34714/3#tb3_10114492
Nummer 120 meine kurze Beantwortung.


Stellungnahme zum Fragenkatalog zur Entwicklung eines Gedenkkonzepts für die Landeshauptstadt Potsdam von Thomas Gilbhardt (www.potsdamer-ehrenmale.de) vom 8. Februar 2013

1. Welche Gedenk- und Erinnerungsorte und welche Gedenktage mit Bezug zur Stadt Potsdam sind
Ihnen besonders wichtig?

Mir sind die Tage zum Gedenken an die Opfer der Kriege wichtig. Auch die Maueropfer sind mir
wichtig, das ist auch greifbarer für mich als jungen Menschen. Somit sind die Gedenktage geklärt,
Volkstrauertag und der 9. November. Des Weiteren sollte in Potsdam der 14. April nicht in
Vergessenheit geraten. Als Gedenkorte sind natürlich die Kriegsgräber auf dem Neuen Friedhof als bester Zeuge jener Zeit
ein Ort zum Nachdenken. Für die Maueropfer gibt es gute Denkmale an den Orten ihres Todes.
Eine gute Idee und gut umgesetzt, fällt jedoch teilweise dem Vandalismus zum Opfer.


2. Sofern Sie selbst (Mit-)Ausrichter von Gedenkveranstaltungen sind: Bitte skizzieren Sie Anlass, Ort
und Formen des Gedenkens sowie die Intention bzw. Entstehungsgeschichte Ihrer
Gedenkveranstaltung. In welcher Form laden Sie ein, wer sind die Adressaten Ihrer
Gedenkveranstaltung? Welche Veranstaltungen planen Sie in diesem oder in den kommenden
Jahren? Welche Jahrestage und Jubiläen spielen dabei eine besondere Rolle?

Ich betreibe Recherche und bin mit Dokumentationen beschäftigt. Nehme teilweise an
Veranstaltungen teil.


3. Wo sehen Sie im Hinblick auf die Kultur des Gedenkens und Erinnern in Potsdam Defizite, welche
Prioritäten sollten gesetzt werden?

Gegen das Gedenken in Potsdam ist nichts zu sagen.

4. Unabhängig davon, ob Sie selbst an der Ausrichtung von Gedenkveranstaltungen beteiligt sind:
Welche Formen halten Sie in Bezug auf das Gedenken und die Erinnerung an Krieg, Verfolgung und
Widerstand für wünschenswert, angemessen und im Sinne politischer Bildungsarbeit für nachhaltig?

Wünschenswert wäre, wenn am 14. April mehr für das Gedenken der Bombennacht getan wird.

5. Gibt es weitere historische Orte in Potsdam, die als Gedenkorte in Frage kommen? Sollte ein
zentraler Gedenkort der Stadt Potsdam geschaffen werden?

Als historische Orte gibt es nur die Stadtmitte zu nennen. Alter Markt, hier könnte den
Bombenopfern ein Denkmal gesetzt werden. Es fehlt in Potsdam ein Denkmal für die zivilen Opfer
der Bombennacht. Zwar befindet sich ein schönes Denkmal auf dem Neuen Friedhof, aber für viele
Bürger ist das nicht greifbar. Jetzt wird am Alten Markt gebaut, es würde gut passen, ein Denkmal
mit aufzustellen. Da hier vieles zerstört wurde, ist heute kaum etwas davon zu merken, wichtig die
Erinnerung aufrecht zu erhalten.

Im Gedenken an die zivilen Opfer der Bombennacht von Potsdam!



« Letzte Änderung: Mo, 25. Februar 2013, 18:04 von Thomas »
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Offline Hubert

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Re: Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption
« Antwort #2 am: Mo, 25. Februar 2013, 18:31 »

Grüß dich Thomas

In Potsdam rührt sich was.....tut sich auch was !?. Die Frageliste liest sich etwas komisch für einen Nebenstehenden. "Ich will was bewegen in meiner Heimatstadt, weis aber nicht wie und was."
So könnte mann es auch Interpretieren, wie sollte ein Gedenken aussehen, an was sollte gedacht werden und wo?.
Mit diesen Fragen wollte man wohl denjenigen Treffen und sagen , "Teile mir dein Anliegen mit, wir helfen mit es zu verwirklichen, fals es gewollt ist".

Fals sich die Allgemeinheit, dich sowieso eingeschlossen, angesprochen fühlt , denke ich das zu dem Thema "Gedenken in Potsdam und um Potsdam" sich einiges Tut in Sachen Gedenkkonzept in Potsdam.

Ich hoffe doch das du mit deinem Wissen um die Gedenkkultur um Potsdam dich in diesem Projekt auch verwirklichen kannst. :]

Grüße Hubert
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Offline Thomas

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Re: Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption
« Antwort #3 am: Mo, 25. Februar 2013, 19:37 »
Zitat
In Potsdam rührt sich was.....tut sich auch was !?.
Tja Hubert mal abwarten, nun wird ja gerade das Neue/Alte Stadtschloß gebaut.
Ob mein Vorschlag etwas bewirkt zu einem Denkmal für die Zivilen Opfer der Bombennacht.

Mal schauen was draus wird, aber du hast recht mit den Fragestellungen.  :rolleyes:

Gruß Thomas
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Offline Thomas

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Re: Diskussion zu einer städtischen Gedenkkonzeption
« Antwort #4 am: Mi, 27. März 2013, 21:37 »
Bericht der Potsdamer Neuste Nachrichten zum Gedenkkonzept, vom 27.03.2013

„Eine ziemliche Einseitigkeit“

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden kritisiert die Potsdamer Gedenkkultur – und indirekt das Projekt Garnisonkirche

Mit einem verbalen Rundumschlag schaltet sich der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, in die Debatte um Potsdams Gedenkkultur ein – und kritisiert indirekt den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Befürworter des umstrittenen Kirchenbaus reagieren mit einem Angebot zum Dialog.

In seiner Stellungnahme zum geplanten Potsdamer Gedenkkonzept schreibt Kramer, zur Erinnerung an geschichtliche Ereignisse würden in Potsdam jüdische Aspekte zu selten angesprochen. Es bestehe „eine ziemliche Einseitigkeit“, so Kramer: „Die Ursachen und Wirkungen des Nationalsozialismus werden höchstens relativ abgeschwächt im Verhältnis zur preußisch-königlichen Geschichte und der Zeit nach 1945 thematisiert.“ So beschränke sich laut Kramer die Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde auf den Gedenkort der ehemaligen Synagoge, den jüdischen Friedhof und einige Stolpersteine für individuelle Opfer. Trotz des „ritualisierten Gedenkens“ zur Erinnerung an die Novemberpogrome 1938 mangele es an Kenntnissen der historischen Entstehungsbedingungen und der Zusammenhänge mit den folgenden Menschheitsverbrechen, so Kramer: „Potsdam war nicht nur am Tag von Potsdam eine herausragende Stadt der nationalsozialistischen Verhetzung und des Terrors.“ Positiv vermerkt Kramer, Potsdam sei seines Wissens die erste Landeshauptstadt, die ein solches Votum vom Zentralrat einholt.

Für eine detaillierte Erklärung seiner Einschätzung war der in Berlin lebende Kramer am Dienstag nicht zu erreichen. Er schrieb den PNN, er könne wegen seiner Teilnahme an den Pessach-Feierlichkeiten keine Stellung nehmen, einem der wichtigsten Feste des Judentums, das an die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei erinnert.

Damit ist auch nicht klar, inwiefern Kramer den umstrittenen Wiederaufbau der 1969 abgerissenen Garnisonkirche ablehnt. In seiner Stellungnahme streift Kramer das Thema: Die Garnisonkirche sei – dieser Hinweis sei ihm wichtig – „nicht nur für die jüdische Gemeinschaft äußerst negativ-symbolträchtig“, schreibt der Generalsekretär. Die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche wertete diese Aussage Kramers in einer Erklärung als Positionierung des Zentralrats gegen den Wiederaufbau. Ob dies tatsächlich so ist, blieb am Dienstag unklar – im Berliner Büro der Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinden in Deutschland war wegen des Pessachfestes niemand zu erreichen. Gegner des Wiederaufbaus der Garnisonkirche verweisen stets auf die Reichstagseröffnung in der Garnisonkirche am „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, der als Beginn der Nazi-Herrschaft in Deutschland gilt – das Symbol dafür dürfe nicht wieder aufgebaut werden.

Martin Vogel, Vorstand der Stiftung Garnisonkirche, hat indes auf Kramers Stellungnahme reagiert. Er kennt Kramer, sitzt mit ihm im Trägerverein der Gedenkstätte des Hauses der Wannsee-Konferenz in Berlin. „Ich schätze die Meinung von Herrn Kramer sehr“, sagte Vogel den PNN. Er habe am Dienstag mit ihm verabreden können, sich nach Pessach über das Projekt Garnisonkirche auszutauschen – bisher habe man darüber noch nie geredet. Das jüdische Fest endet am 2. April. Bereits in der vergangenen Woche hatte sich der Rabbiner Walter Homolka vom Abraham-Geiger-Kolleg mit den Worten zitieren lassen, das Gotteshaus stehe für mehr als den „Tag von Potsdam“, etwa für Widerstand gegen die Nationalsozialisten in der Garnisonkirchengemeinde.

Kritik an der Erinnerungspolitik in Bezug auf das frühere jüdische Leben in der Stadt kommt auch vom Moses-Mendelssohn-Zentrum (MMZ) an der Universität Potsdam. Die Erinnerung an jüdisches Leben sei in Potsdam deutlich unterrepräsentiert, gerade auch im Vergleich zu Berlin, heißt es in der Stellungnahme des MMZ zum Gedenkkonzept. „Im Stadtbild sollte im Rahmen eines ausgedehnteren und öffentlich wahrnehmbareren Gedenktafelprogramms stärker auch an jüdisches Leben erinnert werden, wobei eine einseitige Konzentration auf die Verfolgungsgeschichte zu vermeiden ist“, so die Wissenschaftler. Wünschenswert wäre ferner die Benennung von neu angelegten Straßen, etwa mit Namen von jüdischen Gelehrten oder auch Offizieren. „So wünschenswert es ist, weitere Stolpersteine zu verlegen, sollte sich die Stadt bewusst sein, dass dies ein würdigendes und ehrendes Gedenken nicht ersetzt.“
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