Autor Thema: Gedenkstätte Lidice  (Gelesen 8925 mal)

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Gedenkstätte Lidice
« am: Sa, 30. Juni 2007, 18:10 »
Hier mal die Seite über die Gedenkstätte in Lidice.

In der Nacht vom 9.auf den 10.Juni 1942 machen sich die Nazis auf,einen Namen für immer von der Landkarte zu löschen:das Dorf Lidice in Böhmen wird dem Erdboden gleichgemacht.Die Männer von Lidice sterben in dieser Nacht,die Frauen kommen in ein KZ,die Kinder werden verschleppt und die meisten von ihnen später vergast.

Nach dem Krieg wurde Lidice 300 m vom alten Ort entfernt neu aufgebaut. An der Stelle des früheren Lidice befindet sich heute ein Denkmal und Museum.

http://www.lidice-memorial.cz/default_de.aspx


Gruß
Josef
« Letzte Änderung: Di, 03. April 2012, 21:51 von Ulla »

Offline six.darkness

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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #1 am: Sa, 30. Juni 2007, 18:15 »
hallo Josef,

hat es nach dem Krieg einen Prozess gegen die Verantwortlichen gegeben?
Ich habe gerade mich mit der Geschichte von Ouradur und Tule vertraut gemacht und da war einiges zu Tage gekommen was in den öffentlichen Puplikationen nicht vorkommt.

Roman
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Offline md11

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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #2 am: Sa, 30. Juni 2007, 18:22 »
Hallo Roman,
ja es gab ein Prozess.Hab dazu Material auch und werde bischen die Geschichte,Augenzeugenberichte und den Prozess hier noch reinschreiben.
Danke für Dein Interesse für dieses Thema.

Grüße
Josef

Offline six.darkness

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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #3 am: Sa, 30. Juni 2007, 18:38 »
nichts zu danken,

ich bin stutzig geworden nachdem ich die publikationen über Ouradur gelesen habe. Franzosen haben noch in den 60 jahren gegen über ehemaligen deutschen soldaten erzählt wie es wirklich war.
leider hat die britische und französische presse nach dem krieg ein schauermärchen erfunden welches bis heute nicht wirklich aufgeklärt wurde.

über Lidice habe ich nichts gefunden und ich denke eine meinung darf man sich nur bilden nachdem alle seiten gehört worden sind. gibt es stellungsnahmen von deutscher seite? oder augenzeugen?

danke für deine suche

Roman
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Offline md11

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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #4 am: Sa, 30. Juni 2007, 20:36 »
Ich fang mal an mit der Geschichte hier zum Thema!

Am 27. Mai 1942 wurde SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretender Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, auf dem Weg zu seinem Dienstsitz auf dem Hradschin in Prag durch ein Attentat tschechischer Widerstandskämpfer schwer verletzt. Acht Tage später, am 4. Juni 1942 erlag Heydrich seinen Verletzungen. Daraufhin leiteten die Nationalsozialisten massive Vergeltungsmaßnahmen gegen die tschechische Zivilbevölkerung ein. Die Behauptung, die Dorfbewohner hätten die Attentäter beherbergt, stellte sich später als falsch heraus.

Am 9. Juni 1942 zählte das Dorf Lidice 102 Häuser mit 503 Einwohnern. Das Leben und auch die Struktur der Gemeinde war der anderer tschechischer Dörfer ähnlich. Die Männer arbeiteten meist in den Stahlwerken und Kohlebergwerken im 7 km entfernten Kladno, die Frauen sorgten für den Haushalt und halfen bei Feldarbeiten aus. Es gab 14 Höfe, eine Mühle, drei Lebensmittelläden, drei Wirtshäuser, zwei Metzgereien und die Dorfkirche.

Am Abend dieses 9. Juni umstellten deutsche Polizeikräfte (Angehörige der Gestapo, des SD und der Schutzpolizei unter dem Kommando von SS-Offizieren einer Sonderkommission und des Befehlshabers der Sipo in Prag) mit Unterstützung der tschechischen Gendarmerie Lidice und blockierten alle Zufahrtswege, da dort Beteiligte bei dem Attentat vermutet wurden. In der folgenden Nacht wurden die Dorfbewohner zusammengetrieben. Alle 172 Männer älter als 15 Jahre wurden in den Hof der Familie Horák gebracht, wo sie tags darauf erschossen wurden. Weitere neun Männer, die zur Nachtschicht in einem Kohlebergwerk arbeiteten, und sieben schwangere Frauen wurden nach Prag gebracht. Die Männer wurden dort erschossen, während die Frauen ihre Kinder gebären konnten. Die verbleibenden 195 Frauen wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Nachdem die sieben schwangeren Frauen ihre Kinder geboren hatten, wurden diese von ihren Müttern getrennt, während die Mütter ebenfalls nach Ravensbrück deportiert wurden.

Die 98 Kinder des Dorfes wurden in das Jugendkonzentrationslager in der Gneisenaustraße in Lodz (damals „Litzmannstadt“) deportiert und nach rassischen Kriterien ausgesondert. 12 Kinder aus Lidice, die zur Germanisierung vorgesehen waren, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern wieder aufgefunden, ebenso 6 von den 7, die nach dem 10. Juni 1942 geboren wurden; das siebte war verstorben. Ein Kind aus Lidice, Marta Hronikova, ist Anfang der fünfziger Jahre unter ungeklärten Umständen in einem Flüchtlingslager aufgefunden worden. Nach jahrzehntelanger Odyssee durch psychiatrische Anstalten der kommunistischen Tschechoslowakei wurde sie nach der Wende als verschollenes Kind aus Lidice anerkannt und erhielt eine Entschädigung. Diejenigen 82 Kinder, die nicht zur Germanisierung vorgesehen waren, wurden zusammen mit 11 Kindern aus Lezaky ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort vergast.

Der Ort Lidice wurde in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich durch Züge des Reichsarbeitsdienstes eingeebnet, um die Gemeinde vollständig von der Landkarte zu tilgen.

Die Anordnung zur Räumung des Dorfes erfolgte durch den SS-und Polizeiführer Karl Hermann Frank. Das gleiche Schicksal musste auch der Ort Lezaky erdulden.


Offline md11

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Re: Frauen aus Lidice erinnern sich
« Antwort #5 am: Sa, 30. Juni 2007, 21:12 »
Emilie Chvalova, geb. Frejova:

Ich war achteinhalb Jahre alt, als das alles geschah. Zu uns kam die Gestapo mit einem Zivilisten. Man hat uns gesagt, daß wir uns warm anziehen sollen, besonders die Kinder, und zur Schule begeben sollen. Als wir dort hin kamen, konnte man schon Kinder und Mütter weinen hören.

Am nächsten Morgen wurden wir in Lastwagen geladen und nach Kladno gebracht. In der Stadt haben wir in der Turnhalle auf Stroh geschlafen. Am dritten Tag kam die Gestapo und sagte, daß die Kinder von den Müttern getrennt werden. Es wurde geschrien, die Kinder haben geweint, die Mütter haben geweint. Die Gestapo hat geschossen.

Wir wurden von den Müttern weggeschleppt in den 1. Stock des Gebäudes, und da war die Gestapo und fing an, unsere Köpfe zu messen. Sie haben uns dann Zettel um den Hals gehängt mit Namen und unseren Daten. An dem Tag abends wurden wir dann nach Lodz gebracht. Damals hieß es Litzmannstadt.

Wir kamen in eine große Fabrik, da waren Männer, Frauen, Kinder zusammen. Wie ich später erfahren habe, handelte es sich um ein Sammellager. Dort kamen wir Kinder aus Lidice alle zusammen in den 1. Stock, wo wir für uns waren. Wir haben auf dem Fußboden geschlafen, Kinder im Alter von einem Jahr bis fünfzehn. Das Schlimmste war, daß die kleinsten Kinder weinten, die waren hungrig, und man konnte sie nicht sauberhalten. Wir größeren Kinder haben Kleidungsstücke ausgezogen und den Kleinen als Windeln gegeben. Aber später hatten wir selbst nichts mehr.

Morgens kriegten wir schwarzen Kaffee und ein Stück Brot. Zum Mittagessen bekamen wir nur Wassersuppe, in der Ungeziefer und solche Sachen drin schwammen. Zum Abendessen wieder schwarzen Kaffee mit einem Stück Brot und entweder Margarine oder Marmelade. Wir waren in einem schlechten Zustand. Hatten Läuse und Hunger und waren schmutzig. Ein Mädchen von uns wurde krank und wollte aus dem Fenster springen. In der Mittagspause wurden wir auf den Hof gebracht zu einem kurzen Spaziergang, und wir haben da schlimme Sachen gesehen: wie Leute erschossen wurden.

Später kamen Leute-man hat uns gesagt, daß es Ärzte waren-, die haben einige Kinder ausgesucht. Angeblich nach dem Typ - wer blond war und blaue Augen hatte usw. Sie haben zuerst sieben Kinder ausgesucht; darunter war auch ich. Dann kam später noch , Junge dazu, denn er hatte zwei Schwestern mit, und die Mädchen haben geweint, daß sie den Bruder mithaben wollen. Er kam a erst später zu uns dazu. Wir acht wurden in eine andere Fabrik  bracht, und da hat man sich um uns schon besser gekümmert.Wir bekamen eine polnische Erzieherin, sie hat uns gewaschen und kämmt, und wir haben Essen gekriegt.

Von dort kamen wir in ein Kinderheim nach Puschkau. Das war auch noch in Polen. Wir gingen zusammen mit deutschen Kindern : Schule - wir mußten anfangen mit Deutschunterricht. Wir hat auch gelernt zu nähen und zu sticken. Nach einem Jahr haben festgestellt, daß wir schon Deutsch konnten, und wir wurden in Familien aufgeteilt. Eine von uns, Maruska Hanfova, ist für 50 Mark verkauft worden.

Ich kam in eine SS-Familie, der Mann hieß Otto Kuckuck. Das war Saßnitz auf Rügen. In der Familie ging es mir ganz gut. Sie hat selbst keine Kinder. Ich bin dort weiter zur Schule gegangen. Ich war auch in der Hitler-Jugend. Ich muß sagen, ich hatte alles da in der Familie, was Essen angeht, Spielzeug. Sogar mein eigenes Boot das Meer. Man nannte mich Mirchen Kuckuck. Der Mann war ein großer Gestapo-Mann, der heute immer noch gesucht wird als Kriegsverbrecher.

Vielleicht hört sich das seltsam an. Aber ich war ein Kind damals,, zu jung, und war in der Hitler-Jugend mit dabei. Ich habe das and empfunden als die Frauen von Lidice - für mich war das alles e natürlich. Ich merkte wohl, daß ich von woanders komme, aber habe keinen Haß empfunden. Ich habe das damals einfach nicht verstanden.
Nur die Frau des Mannes-sie hieß Frieda-fing an, mit mir zu sprechen und wollte, daß ich Mutti zu ihr sage. Das wollte ich nicht haben. Aber ich habe sie durchaus gemocht. Auch den Mann. Sie waren beide nett zu mir, er sogar noch netter als sie. Er wußte wohl, daß ich Tschechin bin. Ihr wurde angeblich gesagt, daß ich ein deutsches Waisenkind sei.

Im Lager in Polen war ich geschlagen worden. Ich war hungrig und alles. Nun war ich dankbar, als ich auf einmal Essen kriegte und sich jemand um mich gekümmert hat. Ich kam normal zur Schule. Die anderen Kinder wußten nicht, daß ich keine Deutsche bin. Zu Hause was war das damals für mich? Ich habe mich an das Leben auf Rügen gewöhnt, es ging mir dort gut. Schon als ich von Lidice kam, war ich ein Waisenkind, ich war von meinem Onkel und meiner Tante erzogen worden. Schon als kleines Kind kam ich von einer Familie zur anderen, von einem Platz zum anderen. Und nun auf einmal habe ich ein Zuhause gehabt.

Ich blieb dort bis April 1946. Nach Saßnitz kam die sowjetische Armee, und der Mann, Otto Kuckuck, mußte fliehen. Er kam nach Hannover. Ich bin mit der Frau erst mal allein zurückgeblieben. Der Mann hat dann gefragt, ob wir ihm nachkommen können. Es war schon alles klar, aber mittlerweile kamen tschechische Soldaten an aus Decin. Die kamen damit, daß ich eines der Kinder von L idice bin. Sie haben mir ein Foto von Lidice gezeigt, ein Schulfoto, und ich habe natürlich alle Schüler und Lehrer erkannt. Auf diese Art haben sie festgestellt, daß ich eines der Kinder bin. Daß sie darauf kamen, hat sich so ergeben: ein anderes Mädchen, das mit mir ursprünglich zusammen war, ist bei Frau Strauß in Puschkau geblieben. Das war die Erzieherin von dem Heim. Wir haben uns geschrieben bis 1944. Das andere Mädchen ist allein nach Hause geschickt worden. Ihre Familie hat sie in den Zug gesetzt. Sie hatte meinen Brief dabei, mit der Adresse. Den hat sie dann abgegeben.

Ich habe auch selbst gewußt, daß ich aus Lidice komme. Aber weil sie in Uniform waren, wollte ich nicht mitgehen. Ich habe Angst vor der Uniform gehabt. Aber schließlich habe ich mich doch von Frieda verabschiedet. Ich hatte sie später doch Mutter genannt, und wir hatten uns aneinander gewöhnt. Sie hat natürlich geweint und wollte mich nicht weg lassen. Ich bin auch zur Schule gegangen, um mich zu verabschieden von den Schülern und der Lehrerin. Die hieß Else Schinkel und hat auch geweint, sie hat mich sehr gern gemocht. Ich hatte auch keine große Lust wegzugehen.

In dem Jahr 1946 kam ich zurück nach Kladno, wo meine Tante wohnte. Bei der bin ich dann geblieben. Damals wußte ich noch nicht, was mit den anderen Kindern aus dem Dorf geschehen ist. Das habe ich erst später hier erfahren.

Als ich in das Dorf hierher kam, war es ein schreckliches Gefühl - als ich gesehen habe, daß überhaupt nichts stehengeblieben ist, und als ich erfahren habe, was alles passiert ist. Das kann man schwer erzählen, was man da empfunden hat.

Gruß
Josef

Offline six.darkness

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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #6 am: Sa, 30. Juni 2007, 22:37 »
ich meine mich zu erinnern das die beiden attentäter gefasst worden sind und vom englischen geheimdienst ausgebildet worden sind. es gibt in prag ein museum in dem der waagen von Heydrich ausgestellt ist mit den spuren des attentats.angeblich echt,leider erwiesenermasen eine lüge.
ich frage mich warum die tchechen heute damit geld verdienen.....

R.
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Re: Gedenkstätte Lidice
« Antwort #7 am: Sa, 30. Juni 2007, 22:51 »
ich hab dazu auch einen Bericht über die beiden Attentäter,muß mal schauen wo ich den überhaupt habe!
Bin mit dem Thema hier noch nicht fertig die fortsetzung folgt noch auch über den Prozess.

Gruß
Josef

Offline md11

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Re: Frauen aus Lidice erinnern sich
« Antwort #8 am: Mo, 02. Juli 2007, 21:08 »
Marie Schupickova, geb. Dolezalova:

Damals waren wir Kinder aus Lidice in dem Lager in Lodz versammelt. Ich weiß noch, daß die Gestapo kam, wir mußten uns alle in einem Raum auf den Fußboden setzen, und sie sind zwischen uns hindurch gegangen, haben auf einzelne von uns gezeigt. Warum sie gerade uns ausgesucht haben, wußten wir nicht. Wir kamen dann von diesem Sammellager in der Gneisenaustraße in ein anderes, das auch in Lodz war. Das war ein ehemaliges Kloster. Da waren vor allem erwachsene Leute, die meisten Polen. Wir waren dort ungefähr einen Monat. Da wurden wir fotografiert, ständig wurde etwas unternommen, jemand hat etwas aufgeschrieben usw. Ungefähr nach einem Monat wurden wir in ein Heim gebracht in der Nähe von Poznan. Da haben wir erst erfahren, warum wir ausgesucht wurden. Als wir in Lodz weggebracht worden waren damals, haben wir natürlich gefragt, warum und wohin wir gehen. Es wurde uns gesagt, wir fahren zu den Eltern. Wir haben uns sehr gefreut, haben das geglaubt. Natürlich waren die Tatsachen ganz anders. Das war damals sehr rührend, als die anderen Kinder sich versammelt haben, die nicht ausgesucht wurden, und haben uns gewinkt und gesagt, wir sollen Grüße bestellen und daß sie uns bald wiedersehen.

Das war eigentlich das letzte Mal, daß wir unsere Mitschüler und Freunde gesehen haben. Was mit ihnen passiert ist, haben wir dann erst viel später erfahren, als wir nach Hause zurückgekehrt sind. Als erstes hat man uns verboten, in dem Kinderheim untereinander Tschechisch zu sprechen. Wir wurden bestraft, wenn wir erwischt wurden, wie wir Tschechisch sprachen. Vorher kannte ich nur ein paar Worte Deutsch; das war damals schon Pflicht bei uns in der Schule gewesen. Wir mußten also Deutsch lernen, und langsam kamen einzelne deutsche Familien in das Lager, dadurch haben wir mitbekommen, daß wir wahrscheinlich für etwas anderes bestimmt waren. Was sie sich vorgenommen haben, ging langsam in Erfüllung: wir haben tatsächlich unsere eigene Sprache vergessen. Wir haben nur noch Deutsch gesprochen, gingen auch in eine deutsche Schule, und wir hatten keine tschechischen Bücher. Ich war damals zehn Jahre alt; der jüngste von uns, Vaclav Hanf, war nicht einmal acht, die älteste war zwölf.

Ich war bis 1943 in dem Heim, bis Juni vielleicht. Dann kam ich in eine Familie Alfred Schiller in Poznan. Als Ausrüstung bekam ich zwei Kleider, eine Schürze und ein paar Schuhe. Ich habe meinen Namen verloren und bekam einen neuen: ich hieß dann Ingeborg Schiller.

Die Schillers waren mehrmals in dem Heim gewesen vorher. Die Direktorin hat mich einmal in das Büro gerufen; die Familie war da. Sie haben mit mir kurz gesprochen, und ich mußte vor ihnen ein paar Schritte Iaufen.Vielleicht habe ich ihnen gefallen. Mehrmals sind sie dann noch gekommen, und ich durfte immer mit ihnen spazieren gehen. Dann haben sie alles mit der Direktorin abgesprochen, und ich kam zu ihnen schließlich.

Ich glaube, sie waren keine Faschisten. Sie war in irgendeinem Bund der deutschen Frauen. Er hatte irgendein kleines Abzeichen, ein rundes, schwarzes Zeichen. Aber er gehörte nicht zur NSDAP oder SS. Erwar schon ziemlich alt damals, um die 60. Sie hatten ursprünglich drei Kinder, und alle drei sind gestorben. Sie wollten wahrscheinlich nicht alleine bleiben und haben darum ein Kind aufgenommen. Ich weiß nicht, ob sie wußten, woher ich eigentlich kam. Es hieß immer, daß wir Waisenkinder aus dem Sudetenland seien. Wenn es Kleiderkarten gab, hat man da hingeschrieben: den Namen, Geburtstag, aber nie den Ort, woher man stammt - da stand bei mir nur immer: unbekannt. Das Wort Lidice durfte man nicht erwähnen.

Vielleicht habe ich nachts im Schlaf Tschechisch gesprochen. Die Frau Schiller - sie war ursprünglich Polin, wurde dann Volksdeutsche - hat manchmal gesagt, daß sie mich nicht verstehen konnte, daß ich sehr schnell gesprochen habe. Ich muß sagen, daß sie mich gut behandelt haben. Wir haben vorher so schlimme Sachen erlebt in dem Kinderheim, obwohl wir da zu Essen bekamen und Betten hatten - aber sehr fein behandelt wurden wir da auch nicht. Wir wurden manchmal geschlagen, ohne zu wissen warum. Als wir in die Familien kamen, waren wir schon mal dankbar, daß uns keiner geschlagen hat.

Aber nicht alle Kinder, die in deutsche Familien kamen, hatten es so gut. Einer der Jungs hat es abgelehnt, Deutsch zu lernen, und dem ist es nicht so gut ergangen. Der war zuletzt in verschiedenen Lagern und endete in einem Lager in Ungarn. Ein anderes Mädchen war in drei Familien nacheinander.

Ich muß noch etwas erzählen: als wir Lidice verließen, haben die Nazis Gold und allen Schmuck gesammelt. Meine Mutter hat meine Ohrringe versteckt und sie in die Realschule von Kladno mitgebracht. Die habe ich dann immer mitgehabt, bis in die Familie Schiller. Die Frau - sie hieß Ilse, ich habe sie aber Mutter genannt - hat mir die Ohrringe abgenommen und mir andere gegeben. Erst als ich nach dem Krieg nach Hause kam, hat sie mir die einfachen Korallen wieder abgenommen und mir meine eigenen Ohrringe zurückgegeben. Sie sagte: dann wird Dich Deine eigene Mutter erkennen. Mit den Ohrringen kam ich dann nach Hause zurück später.

Im Januar 1945 war ich mit der Familie Schiller evakuiert worden nach Mecklenburg, in eine kleine Stadt, die hieß Boizenburg und lag an der Elbe. Meine eigene Mutter war im Lager in Ravensbrück. Sie ist dann nach Neubrandenburg gekommen; das war eigentlich nicht weit von dort, wo ich wohnte. Aber wir haben natürlich nichts voneinander gewußt damals...

Dann kam es zu der Suche nach den Kindern von Lidice. Einige waren schon gefunden; sie haben ausgesagt, wo die anderen Kinder vielleicht sein könnten. Die Direktorin des Kinderheims war auch festgehalten worden. Bei ihr waren mehrere Dokumente gefunden worden. Eine große Suchaktion begann. Plakate sind erschienen mit den Namen der Kindervon Lidice und dem Bild einer Mutter, fragend: wo sind unsere Kinder?

Eines Tages hat auch Alfred Schiller ein Plakat gelesen, auf dem stand, daß die Familie Schiller zuletzt in Poznan gewohnt hat und daß man nicht weiß, wo sie sich befindet. Da stand auch, daß jeder, der damals ein Kind adoptiert hat, es im eigenen Interesse melden soll. Die Schillers haben mich genommen und nach Berlin gebracht. Dort war ein Büro für die Opfer des Faschismus, wo deutsche Antifaschisten tätig waren. Meist Leute, die aus den Lagern zurückgekommen waren. Da mußte ich aussagen, und es wurde alles aufgeschrieben. Da habe ich zum ersten Mal erfahren, was mit Lidice passiert ist: daß die Männer erschossen wurden, die Frauen in ein Li kamen. Sie haben mir ein Buch gezeigt, das über Lidice erschienen ist; darin war ein Schulfoto, und ich habe mich darauf erkannt.

Dann ging es sehr schnell. Ich sehe das wie heute: eine Tür ist gemacht worden, und in einer Woche war ich zu Hause!

Ich mußte zuerst einen Ausweis bekommen in Berlin. Die Schi sind noch einmal nach Boizenburg gefahren und kamen nach B mit meinen persönlichen Sachen, den Kleidern. Wir haben damals in einer Villa gewohnt, da war auch ein spanisches Kind, das  Hause geschickt werden sollte. Die Familie Schiller durfte mich dann nicht mehr treffen; ihr wurde gesagt, ich hätte alles, was ich bräuchte. Das hat mir später der Mann erzählt, der uns betreute selben Tag, als mich die Schillers in dem Büro angemeldet haben, hat übrigens eine andere Familie ein Kind angemeldet: Maruska Stulikova, die war aus dem Dorf Lezaky, das auch von den f ausgebrannt worden war. Wir kamen an demselben Tag zurück in die Heimat. Das war am 7. August 1946.

!n Berlin hatte ich auch schon erfahren, daß meine eigene Mutter  zurückgekommen ist, daß sie aber sehr krank ist. Und daß sie hofft, daß ich zurückkomme. Ich ging gleich zu ihr ins Krankenhaus in Prag hatte Tuberkulose. Das war das Schlimmste: wir haben uns erkannt,aber wir konnten nicht mehr zusammen sprechen. Denn sie sprach nur Tschechisch, ich sprach nur Deutsch. Es war sehr schmerzhaft, aber trotzdem schön.

Ich wollte als erstes wissen, was mit meinem Bruder geschehen ist. Ich hatte einen Bruder, der fünf Jahre älter war als ich. Mein Bruder war zusammen mit uns in der Realschule von Kladno. Und als der Transport der Kinder zusammengestellt wurde, hat man festgestellt, daß er zwei Monate älter ist als 15 Jahre, und die Kinder über 15 wurden schon als Männer betrachtet. Er fuhr nicht mit uns nach Polen. Erst nach dem Krieg haben wir Dokumente gefunden, daß er zusammen mit der Familie Horak in Prag hingerichtet wurde 1942.

Meine Mutter ist dann vier Monate nach meiner Rückkehr gestorben. Im Krankenhaus in Prag. Sie hat gar nicht gesehen, wie Lidice dann ausgesehen hat. Sie wußte aber, was passiert ist, und hat Bilder gesehen. Im Oktober 1947 war ich als Zeugin beim Nürnberger Gericht. Noch mit einem anderen Mädchen aus Lidice, Marie Hanfova. Es wurde gefragt, wo ich war, in welchem Kinderheim, wie viele Kinder da waren, was für Kinder. Die Schillers habe ich nie wiedergesehen.Heute leben sie auch wahrscheinlich nicht mehr. 1964 oder 65 war hier einmal eine Familie aus Schwerin, die Frau hat selbst im Krieg in Boizenburg gewohnt und kannte die Frau Schulze, bei der ich mit den Schillers in der Bahnhofstraße zur Untermiete gewohnt hatte. Ich erinnerte mich dann, daß die Frau Schulze eine Tochter namens Inge hatte, die einen kleinen weißen Hund hatte. Diese Frau hat gesagt: jaja, das stimmt alles. Später schrieb sie eine Karte aus Boizenburg, sie hatte die Frau Schulze besucht, die Frau hatte sich auch erinnert. Aber die Schillers seien weg - man wußte nicht, wo sie jetzt wohnten.


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Re: Frauen aus Lidice erinnern sich
« Antwort #9 am: Mo, 02. Juli 2007, 21:26 »
1972 haben wir eine organisierte Reise nach Polen gemacht. Wir  waren in Lodz, in Chelmno, in Puschkau -alle Plätze, wo wir damals waren, haben wir besucht. Wir haben das alles wiedererkannt; haben sogar eine Polin gefunden und besucht, die damals in der    Küche gearbeitet hat. Und wir waren in Poznan. Ich habe das Haus gefunden, wo ich mit der Familie Schiller gewohnt habe. Ich saß in dem gleichen Raum, wo ich damals wohnte mit den Schillers; jetzt war da eine polnische Familie. Die polnische Frau hat gesagt, daß sie damals wußte, daß die Familie Schiller dort wohnte und daß die ein   Kind adoptiert hatten, aber daß sie dachte, das wäre vielleicht ein polnisches oder deutsches Kind. Angeblich sollten die Schillers in Hamburg wohnen zu dem Zeitpunkt.   

Andere Kinder haben ihre Adoptiveltern aus Deutschland wiedergesehen. Eine Frau kam hierher und wollte „ihr" Kind sogar am liebsten wieder mitnehmen. Ich kenne die Geschichte nur vom Erzählen. Es war Vaclav Zelenka. Die Adoptivmutter, Frau Wagner, hat ihn hier besucht, vor vielleicht 10, 11 Jahren. Sie hat bei ihm gewohnt. Und hat ihn immer noch mit dem deutschen Namen genannt: Rolf Wagner. Sie konnte nicht verstehen, daß er jetzt ein erwachsener Mensch ist, daß er selbst Kinder hat. Und sie hat immer noch so getan, als ob sie irgendwelche Rechte auf ihn hat. Naja, sie haben sich dann später gegenseitig geschrieben.

Als ich 1946 zurückkam, wohnte ich zuerst woanders. 1949 kam ich nach Ostrau in Mähren. Im Jahre 1955 bekam ich einen Brief vom Nationalausschuß von Lidice, daß mir hier ein Haus zugewiesen würde und daß ich, wenn ich möchte, hier einziehen kann. Anfang Juni kam ich dann hierher. Die ersten waren schon 1949 hier in das neue Dorf eingezogen, das ging stufenweise. 1958 war der Aufbau; was die Wohnhäuser angeht, abgeschlossen.

Für jede Frau, die zurückkam, und jedes Kind, das wiederkam, wurde im neuen Dorf Lidice ein Haus gebaut. Das Dorf wurde auf einen neuen Platz gebaut, wo früher nur Felder waren. Es gibt hier vier Typen von Häusern. Weiter darf nicht gebaut werden; auch kann man die Häuser nicht einfach höher ausbauen. Wir sind unter einer architektonischen Aufsicht. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir den Architekten konsultieren. Der Charakter des Dorfes soll erhalten bleiben. Das Museum und das Gelände, wo das alte Dorf stand, sind Mahnmal, und das neue Dorf ist zwar kein Museum, aber es steht unter Denkmalsschutz. Und das ist richtig so.

Manchmal gab das schon kleine Probleme. Man wollte Garagen bauen. Nachträglich, denn nach dem Krieg gab es kaum Autos zunächst, da brauchte man keine Garagen! Der Architekt mußte also etwas entwerfen und doch den Charakter des Dorfes bewahren...

Heute leben hier 507 Menschen im neuen Lidice. Der jüngste ist jetzt einen Monat alt. Die älteste Frau ist 89 Jahre. Ich weiß das so genau, weil ich Sekretärin bin im Nationalrat von Lidice. Bis 1959 habe ich nicht gearbeitet, sondern war zu Hause mit meiner Tochter Ivanka. Danach arbeitete ich im Verlag des Verbandes der Antifaschistischen Kämpfer, bis 1967. Seit dem 1. Januar 1968 bin ich hier im Nationalkomitee. Und in zwei Jahren gehe ich in Pension.

Die Menschen aus Lidice arbeiten heute hauptsächlich in Kladno, in den Poldi-Hütten; einige auch im Bergwerk. Manche arbeiten auch in Prag oder am Flugplatz, der ist in der Nähe. Es wohnen inzwischen nicht nur Leute hier, die von der Tragödie betroffen waren, sondern auch Bewohner, die sich die Häuser gekauft oder gemietet haben. Die Häuser wurden ja Eigentum der Überlebenden, und die können sie weiterverkaufen oder vermieten. Nur muß der neue Inhaber die Prinzipien des Dorfes einhalten, das gehört zum Vertrag.

Ich selbst würde nie von Lidice wegziehen. Ich habe hier meine ersten zehn Lebensjahre gelebt, und ich bin mit Freude zurückgekommen. Vielleicht scheint es eigenartig, daß jemand, der hier gelitten hat, wieder zurückkommt. Aber wir haben neue Häuser bekommen, haben uns hier angesiedelt und leben ein neues Leben. Nach Lidice kommen viele Besucher. Wir kennen die Geschichte, und wer sonst soll erzählen, was 1942 geschah, daß hier wirklich ein Dorf stand, daß wir dort lebten? Nur wir können das.

Beim Wiederaufbau des Dorfes haben Jugendliche aus vielen Ländern mitgeholfen. 1947 war in Prag das Internationale Festival der Jugend; 400 Teilnehmer davon haben hier gearbeitet in Internationalen Brigaden. Selbstverständlich haben auch viele unserer Jugendlichen hier gearbeitet. Es gab damals eine große Aktion „Lidice-Most-Litvinov". Das sind Städte in Nordböhmen: Most ist bekannt für seinen Kohlen-Tagebau, in Litvinov ist eine große chemische Fabrik zur Erzeugung von synthetischem Benzin. Einige Jungen von der Brigade aus der Slowakei blieben hier, die haben Mädchen aus dem Nachbardorf geheiratet.

Meine Tochter, die ich hier erzogen habe und die jetzt erwachsen ist und selber Mutter, lebt in Kladno. Sie sagt, sie würde sich nie wieder an ein Leben auf dem Dorf gewöhnen. Für sie ist es bequem, dort hat sie eine Wohnung mit Heizung, hat Theater, ein Kulturangebot. Wir dagegen müssen Asche raustragen, weil wir mit Kohle heizen usw. Aber für mich wäre das schrecklich, nur in Wänden zu leben und nicht ins Grüne zu sehen. Wenn ich nach Hause komme, kann ich in den Garten gehen. Ich lebe gern hier. Meine Tochter kommt gern zu Besuch, mit den beiden Enkeln. Die Kinder können hier im Garten mal richtig laufen.

Ich habe keinen Haß auf die Deutschen. Wir wissen, daß der Ursprung des Unglücks der Faschismus war. Auch viele Deutsche sind umgekommen in den KZs, Männer, Frauen, die für fremde Interessen sterben mußten. Es war so viel Leiden in dem Krieg. Wir haben den Faschismus und den Krieg erlebt. Und man müßte uns erschießen und ausrotten, damit kein Zeuge ist, der über die Greueltaten Auskunft geben kann. Wir werden immer den Gedanken des Antifaschismus durchsetzen und für den Frieden kämpfen.

Ein dritter Krieg - jeder kann sich vorstellen, was das bedeuten würde. Heute würde der Krieg nicht auswählen, ob es ein Deutscher ist oder Engländer oder Tscheche, den er trifft. Ich glaube, daß auch in der BRD die Vernunft siegen wird. Daß auch dort der größte Teil der Bevölkerung gegen den Krieg ist. Wir sehen im Fernsehen, daß die Friedensbewegung stark ist. Aber man muß das jeden Tag durchsetzen. Es ist kompliziert. Wir werden diesen Kampf für den Frieden unterstützen, wo wir nur können. Deswegen auch sind wir zurückgekehrt, damit wir als Zeugen den neuen Generationen etwas weitergeben können. Jetzt habt Ihr die Aufgabe, das durchzusetzen.

Quelle-Lidice (U.Naumann,1983)

Gruß
Josef

 


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