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Offline Hubert

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Das Trauma auf dem Balkan
« am: Do, 13. März 2014, 19:07 »

Gefunden in der MZ-Regensburg

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Das Trauma auf dem Balkan
Das Attentat auf Franz Ferdinand jährt sich zum 100. Mal. Die Gedenkfeiern zum Beginn des Weltkrieges werden in Serbien von Propaganda begleitet.

von Norbert Mappes-Niediek, MZ

Sarajewo. Ein „Rassist und Antisemit“ sei es gewesen, den der junge Gavrilo Princip da umgebracht habe, und das nicht „in Wien oder auf seinem Sommersitz“, sondern „in seinem eigenen Land“, auf der „Schwelle seines Hauses“. Wenn Emir Kusturica im Jahre 2014 über das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand vor hundert Jahren spricht, klingt es, als sei es gestern gewesen. Der aus Sarajewo stammende Regisseur, der als Muslim geboren wurde und nach dem Krieg der 90er Jahre zum Serbentum konvertierte, leitet das Vorbereitungskomitee der Republik Serbien für die Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Geschichte wird zur Gegenwart

Der Beginn des „großen Krieges“ jährt sich, so scheint es, exakt zur rechten Zeit – nicht nur für die großen EU-Mächte, die sich in der Krise darauf besinnen können, wie es einst in einem Europa der freien Machtkonkurrenz zuging. Auch auf dem Balkan bietet das Datum mindestens zwei Nationen, Bosniern und Serben, die Gelegenheit, über ihr Selbstverständnis nachzudenken. Vieles spricht dafür, dass sie ungenutzt bleibt.

Nicht nur Kusturica, der entschlossen als Propagandist einer „serbischen Sache“ auftritt, macht die Geschichte zur Gegenwart. Auch Momcilo Pavlovic tut das, der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in Belgrad. Man werde es nicht zulassen, sagte der Historiker im grimmigen Ton zum Auftakt der großen Gedenkrunde, dass westliche Historiker Serbien „vor der Welt als ein Volk von Mördern, Vergewaltigern, Terroristen oder ähnliches“ vorstellten. Die Absicht ist mit Händen zu greifen: Serbien kämpft gegen sein Trauma aus seiner nicht lange zurückliegenden Zeit als Paria der Völkergemeinschaft. Abgewehrt gehören vor allem die Erkenntnisse der Briten Sean McMeekin und Christopher Clark, die zuletzt international beachtete Darstellungen des Kriegsausbruchs vorgelegt haben. Bei beiden kommt die damalige serbische Regierung unter Nikola Pasic nicht gut weg.

Gavrilo Princip, der am 28. Juni 1914 Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschoss, hat in den hundert Jahren Historiker-Debatte über den Kriegsausbruch und die Kriegsschuld immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. „Bis nach dem Ersten Weltkrieg stand an der Straßenecke zur Lateinerbrücke, wo der Mord geschah, noch ein kleines Standbild des Thronfolgers“, erzählt der bosnische Historiker Mirsad Avdic, der das Attentatsmuseum kuratiert. Das verschwand bald. Als Bosnien 1918 ein Teil Jugoslawiens wurde, eignete sich aber nicht nur Franz Ferdinand, sondern auch sein Mörder nicht zum Helden. „Schließlich wollte man auch nach dem Krieg noch den Eindruck vermeiden“, sagt Avdic, „Belgrad habe mit dem Attentat etwas zu tun gehabt.“

Die Stunde Princips, der kurz vor Kriegsende in einem böhmischen Gefängnis an Tuberkulose gestorben war, schlug erst wieder, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Partisanen die Macht ergriffen. Für das neue, kommunistische und föderale Jugoslawien war der Gymnasiast aus einem westbosnischen Dorf ein Tyrannenmörder und Anhänger der Vereinigung aller Südslawen. Fortan erinnerten in Sarajewo Messingeinlassungen im Straßenpflaster an die Stelle, von der aus Princip seine Schüsse abgegeben hatte; die Brücke bekam seinen Namen. KP-Historiker werteten das „Junge Bosnien“, eine vage Strömung in dem damals von Österreich annektierten Land, zu einer netzwerkartigen Organisation auf, die auf das künftige Jugoslawien hingearbeitet habe und nicht großserbisch, sondern pan-jugoslawisch orientiert gewesen sei. In Wirklichkeit sei Princip wohl ein „verwirrter 19-Jähriger mit einer schweren Kindheit“ gewesen, sagt der Regensburger Südosteuropa-Historiker Ulf Brunnbauer, und in seinem Kopfe habe „vieles Platz gehabt“ – an erster Stelle noch anarchistische Gedanken.

In Sarajewo pflegt die muslimische Mehrheit heute lieber das Andenken des Ermordeten: Das kleine Museum am Tatort, das früher das Attentat feierte, soll heute allgemein an die „österreichisch-ungarische Zeit“ erinnern und ist de facto ein Devotionalienkabinett für das Thronfolgerpaar geworden. Bosniens österreichische Jahre von 1878 bis 1918 gelten heute als goldenes Zeitalter – wobei der Hinweis nie fehlen darf, dass Sarajewo schon ein Jahr vor Wien die erste Elektrische bekam. Wer sich rascher entwickelte, das von Wien beherrschte Bosnien oder das selbstständige Serbien, war schon vor hundert Jahren ein großer Streit: Die Österreicher führten die Straßen und die Elektrische ins Feld, Belgrad dagegen den höheren Alphabetisierungsgrad. Entschieden ist der Streit bis heute nicht, und unterschwellig nährt er die Konkurrenz zwischen dem wieder vom Westen beherrschten, unerlösten Bosnien und dem stolzen, freien Serbien noch immer.

„Ein mythisches Geschichtsbild“

In Serbien kristallisiert sich in Princip das noch immer unklare Selbstverständnis der Nation: Die nationalistische Linke um Kusturica will Princip als „Revolutionär“ und Tyrannenmörder retten. Für die nationale Rechte um Momcilo Pavlovic gibt es zwischen großserbischen Ideen und Jugoslawentum im Grunde keinen Unterschied. Das macht die Anstifter der Verschwörung zu idealen Helden – auch den unzweifelhaft großserbisch denkenden Obersten „Apis“ Dimitrijevic, der von den Kommunisten noch geächtet wurde. Die größte Regierungspartei in Belgrad begreift sich als Nachfolgeorganisation der „Radikalen“ eben des Nikola Pasic, der Serbien damals führte. Modern denkende serbische Historiker, für die es in der Geschichte erst einmal um Fakten und nicht um identitätsstiftende Erzählungen geht, vermeiden das heikle Thema wieder. „Der Mainstream in Serbien“, sagt Brunnbauer, „pflegt aber noch immer ein mythisches Geschichtsbild, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen.“
MORTUI VIVENTES OBLIGANT "Die Toten verpflichten die Lebenden"

 


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