Autor Thema: Biologische Kampfstoffe im Ersten Weltkrieg  (Gelesen 2655 mal)

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Biologische Kampfstoffe im Ersten Weltkrieg
« am: Sa, 17. Februar 2007, 19:13 »
Das Deutsche Reich setzte im Ersten Weltkrieg biologische Kampfstoffe ein.Die Opfer-Pferde,Rinder und Maultiere.
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Maximilian Karl Wilhelm Prinz von Ratibor zeigte großes Interesse an den Seifenstücken. Mehrfach beschwerte sich der deutsche Botschafter 1916 daheim in Berlin, daß die Kartons mit dem Körperpflegemittel in Madrid noch nicht angekommen seien. Sie waren mit E und B gekennzeichnet. E stand für equus, das Pferd, B für bos, das Rind.
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Auf die Tiere hatte es der Adlige abgesehen: In der Seife waren Glasröhren mit 'en biologischen Kampfstoffen Rotz- und Milzbrandbazillen versteckt.
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In Europa tobte der Erste Weltkrieg. Die Militärs des Reiches wollten verhindern, daß das neutrale Spanien Maultiere, Pferde und Rinder an Briten oder Franzosen lieferte. Helfer des Botschafters infizierten die zum Export bestimmten Tiere mit dem tödlichen Kampfmittel.
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Nach dem Krieg mochte sich in Deutschland niemand mehr an den Einsatz der schmutzigen Bio-Waffen erinnern. Belege gab es nicht, und Deutschlands Militärs behaupteten, es habe sich um übereifrige „Freunde der deutschen Sache" gehandelt. Im Jahr 1925 wurde der Einsatz der Killerbazillen im Kriege geächtet.
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Jetzt hat der Berliner Molekularbiologe Erhard Geißler Telegramme im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn gefunden, die den deutschen Bazillenangriff auf  Tiere beweisen.
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Nach der Niederlage 1918 hatten die deutschen Geheimdienste versucht, alle Unterlagen zu vernichten. Die nun entdeckten 'Papiere kommen aus dem Chiffrierbüro.
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Dort waren die Depeschen verschlüsselt worden, mit denen die Berliner Zentrale den Einsatz der Kampfstoffe steuerte.
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Kopf des Unternehmens war der Legationssekretär im Auswärtigen Amt, Rudolf Nadolny. Der Ostpreuße glaubte damals noch, Deutschland könne England und Rußland gleichzeitig niederringen. Für den Zweifrontenkrieg war ihm der Einsatz von Bakterien recht.
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Dabei konnte Nadolny auf die Unterstützung des kaiserlichen Feldheeres zu rückgreifen. Er leitete dort die „Sektion Politik Berlin des Generalstabs", zuständig für Spionage und Sabotage. Die Bakterienkulturen stammten mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Laboratorium der Militär-Veterinärakademie in Berlin.
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Von dort sandte Nadolny die Bazillen nach Spanien, Argentinien, Rumänien und in die USA, um Pferde und Maultiere zu töten, die die Alliierten aus diesen Ländern bezogen. Für die Kriegführung waren die Tiere wichtig. Allein Deutschland schickte 1,7 Millionen Pferde mit seinen Kavalleriedivisionen oder als Zugtiere für Geschütze an die Front.
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Die Organisation der Anschläge übernahmen deutsche Diplomaten. Die Mission war heikel: Spanien und Argentinien waren während des Krieges neutral, die USA bis 1917, Rumänien bis 1916.
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Im Juni 1916 schickte Nadolny seinen Spezialisten Hermann Wuppermann, Deckname „Arnold", nach Spanien. Der sollte dort Rotzbakterien in Glyzerin züchten. Sie bewirken bei Pferden eine lebensgefährliche Lungenkrankheit. „Kulturen sind geglückt", meldete am 23. Juni Prinz von Ratibor.
Wuppermann reiste weiter nach Argentinien.
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Wie viele Tiere den Bazillen zum Opfer fielen, weiß niemand. Die Erfolgsmeldungen an Nadolny sind verschollen. Und nicht jede Milzbrandepidemie war das Resultat von Sabotage.
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Die Bazillen wurden den Pferden in die Nasenlöcher gestrichen. Der Kapitän Friedrich Hinsch zum Beispiel heuerte dazu Hafenarbeiter in Norfolk,USA, an. Die Amerikaner mußten ganze Pferdeladungen, die für die Briten bestimmt waren,  in den Atlantik kippen, weil die 5 Tiere erkrankten; sie verendeten in wenigen Tagen. Die Infektionskrankheiten Rotz - der Name stammt vom Schleim, den die kranken Pferde absondern - und Milzbrand waren damals nicht heilbar.
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Die Überlebensfähigkeit der Erreger mißt sich in Dekaden. Letztes Jahr fand der Kurator des Polizeimuseums im norwegischen Trondheim beim Aufräumen eine Glasflasche mit zwei Zuckerstücken. Die Polizei hatte sie im Januar 1917 dem Baron Otto Karl von Rosen abgenommen.
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Wahrscheinlich sollte der Baron im deutschen Auftrag Rentiere vergiften, die britische Waffenlieferungen an die Russen durch den Schnee zogen. Neben der Flasche lag. ein Zettel: „Ein Zuckerstück mit Anthrax-Bazillen". Anthrax ist griechisch für Milzbrand. Der Museumskurator übergab die Flasche B-Waffen-Experten. Die Bazillen lebten noch.
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Der B-Waffen-Einsatz gegen Tiere war kein Verstoß gegen das damalige Völkerrecht. Auch Briten und Franzosen setzten die Killerbakterien ein. Ihre Akten darüber sind noch immer Geheimsache.
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Manche deutsche Diplomaten hatten immerhin Skrupel. Graf Karl Luxburg, deutscher Gesandter in Argentinien, weigerte sich und verbrannte den entsprechenden Befehl. Auch Nadolny kannte Grenzen. „Anwendung von Seuchenmitteln gegen Menschen nicht erwünscht, nur gegen Pferde und Vieh für Armee", telegrafierte er an den deutschen Militärattache in Bukarest.
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Den Einsatz von biologischen Waffen gegen Menschen hatte die politische Führung ausdrücklich abgelehnt. Als ein eifriger Stabsarzt im September 1916 dem Kriegsministerium vorschlug, durch Luftschiffe Pestbazillen-Kulturen über England zu verbreiten, beschied ihn das Amt: „Ihre Vaterlandsliebe in Ehren, aber wenn wir einen solchen Schritt begehen, sind wir nicht mehr wert, als Nation zu existieren."
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Quelle-Der Spiegel (20.07.1998)
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Gruß
Josef
« Letzte Änderung: Mo, 21. Juni 2010, 14:36 von Adjutant »

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Biologische Kampfstoffe im Ersten Weltkrieg
« Antwort #1 am: Sa, 17. Februar 2007, 19:36 »
Nobelpreisträger und Kriegsverbrecher

Seine wichtigste Erfindung schien einen uralten Traum wahr werden zu lassen: mit Hilfe der modernen Wissenschaft die Menschheitsgeißel Hunger zu besiegen. Durch das nach ihm benannte „Haber-Bosch-Verfahren", welches den natürlichen Stickstoff der Atemluft zur Ammoniaksynthese nutzbar machte, ließ sich regelrecht „Brot aus der Luft holen".

Denn Ammoniak ist der Grundstoff für lebensstiftenden Kunstdünger-aber auch für todbringenden Sprengstoff. Brot wie Bomben brauchte der Kaiser für seinen Krieg. Zu beidem verhalf ihm Habers Erfindung, die so das Massenmorden gleich doppelt verlängerte.

Den Krieg abzukürzen hoffte Haber mit einer weiteren Erfindung: Giftgas. Dessen Perfektionierung trieb der „Vater des Gaskriegs" ohne Rücksicht auf Ethik oder Völkerrecht voran; den ersten deutschen Giftgasangriff der Kriegsgeschichte im April 1915 bei Ypern überwachte der ehrgeizige Professor persönlich. (Geschätzte Zahl aller Gaskriegsopfer: 700 00o bis eine Million.) Seine erste Frau Clara Immerwahr aber, selbst eine promovierte Chemikerin, erschoß sich mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Am Ende stand statt des von Haber erhofften „Siegfriedens" über einen durch Giftgas demoralisierten Gegner nur eine neue, grauenhafte Stufe der militärtechnischen Eskalation.

Nach dem Kriegsende 1918 wurde der deutschnationale Wissenschaftler von den Alliierten als Kriegsverbrecher verfolgt - und zur selben Zeit mit dem Nobelpreis für Chemie international geehrt. Haber konnte als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie weiterforschen. Als wolle er sich selbst noch einmal übertrumpfen, versuchte er nun, nach Brot aus Luft aus Meerwasser Gold zu gewinnen - in der Hoffnung, so die Deutschland auferlegten Reparationen bestreiten zu können. Jahrelang arbeitete er vergebens an dem bizarren Projekt.

Mehr Erfolg hatte der monomane Forscher und erste Wissenschaftsmanager (er gründete die Vorläufer der heutigen Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit) auf seinem alten Gebiet. Unter dem Deckmantel, Schädlingsbekämpfungsmittel zu entwickeln, trieb Haber die verbotene Entwicklung von Giftgas weiter voran - der erste Fall von „dual use"-Forschung. Dabei stieß er auf ein Gift, von dessen Wirkung er sagte, man könne „nicht angenehmer sterben". Der Handelsname des äußerst effektiven Insektenvertilgungsmittels: Zyklon B.

Es war das Giftgas, mit dem die Nazis ab 1941 Menschen, vor allem jüdische, als „Volksschädlinge" ausrotteten. Unter den Opfern des Genozids sollten auch Familienmitglieder des als Student zum Protestantismus konvertierten Juden Fritz Haber sein. Doch der erlebte den Holocaust nicht mehr. Er starb, von den Nazis aus dem Amt gedrängt, 1934 in Basel, auf dem Weg nach Palästina.
Quelle-Der Spiegel (1999)
« Letzte Änderung: Mo, 21. Juni 2010, 14:36 von Adjutant »

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Biologische Kampfstoffe im Ersten Weltkrieg
« Antwort #2 am: So, 18. Februar 2007, 10:15 »
22. April 1915. An der Westfront unternehmen deutsche Truppen ihren ersten Gasangriff. Das Giftgas ist in starken Fässern komprimiert. Bei günstigem Wind öffnen die Deutschen um fünf Uhr früh die Gashähne. In den vordersten Laufgräben der Frontlinie zwischen Langemarck und Ypern sehen die französischen Soldaten wenig später dichten gelben Rauch aus den deutschen Schützengräben aufsteigen, der sich langsam den französischen Stellungen nähert. Der Nord-OstWind trägt dazu bei, daß der Rauch sich wie ein Teppich über dem Boden verbreitet. Die Rauchsäule ist nur wenige Meter hoch.

Die Wirkung in den französischen Stellungen ist vernichtend. Bei vielen Soldaten tritt der Tod sofort ein. Einige können flüchten; aber auch sie haben die Dämpfe eingeatmet, werden nach wenigen Minuten schwarz im Gesicht, husten Blut und sterben.

Dieser erste Giftgaseinsatz wird an einer Frontbreite von sechs Kilometern durchgeführt. Eine Viertelstunde nach dem Angriff rücken die Deutschen aus den Schützengräben, voran Soldaten mit Sicherheitsmasken, die sich vergewissern sollen, ob die Luft noch Schadstoffe enthält. Als sich das Gas verflüchtigt hat, greifen die Truppen in der ganzen Breite der Frontlinie an und rücken vor, ohne auf Widerstand zu treffen. Es fehlt jedoch an Menschen und Material, um den Einbruch in die französische Front zu einer Offensive zu nutzen.

Das giftige Chlorgas ist vom KaiserWilhelm-Institut entwickelt worden. Ein erster Versuch, der im Januar an der Ostfront stattfand, endete wenig überzeugend, weil das Gas sich in der Kälte nicht verteilte. Beim Einsatz im April ist die Kriegsleitung nicht auf die durchschlagende Wirkung vorbereitet. Sie stößt nicht nach, und die Alliierten haben ausreichend Zeit, die Lücke in der Front wieder zu schließen.

Quelle-Chronik des 20.Jahrhunderts
« Letzte Änderung: Mo, 21. Juni 2010, 14:38 von Adjutant »

 


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