Autor Thema: Der Verpflegsdienst im Kriege  (Gelesen 2334 mal)

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Der Verpflegsdienst im Kriege
« am: Fr, 18. Juli 2008, 07:19 »
DER  VERPFLEGSDIENST  IM  KRIEGE    1. Teil

Von Generalintendant Ladislaus Jarzebecki
Chef der Militärintendantur und Sektionschef im Kriegsministerium
Quelle  "Die Wehrmacht der Monarchie"



Es war ein regnerisch schwüler Morgen, als die 1.  Infanterietruppendivision am 3. September aus ihren um Freilau gelegenen Kantonierungen aufbrach, um in die für diesen Tag bestimmten 30 Kilometer entfernten nächsten Marschstationen zu rücken. – Ein Zusammentreffen mit stärkeren feindlichen Abteilungen war erst nach Ablauf mehrerer Tage zu gewärtigen.
Ich schloß mich für diesen Tag dem Infanterieregiment Nr.4 an,  in der Absicht, meine Aufmerksamkeit dem Verpflegsdienste zuzuwenden. – Ein Offizier gab mir während des Marsches die erste Orientierung.

Jedem Soldaten, gleichgültig ob Offizier oder Infanterist, gebührt im Kriege täglich eine Verpflegsportion, welche sich aus 70 Dekagramm Brot, 40 Dekagramm Fleisch, 14 Dekagramm Gemüse, einer entsprechenden Menge an Zubereitungsartikeln, ferner aus zwei Kaffeekonserven, aus Wein oder Bier usw. und aus 25 Gramm Tabak zusammensetzt. –

Dies ist die normale Zusammensetzung, welche sich aber je nach den erlangbaren Artikeln derart ändern kann, dass zum Beispiel das Fleisch auch durch Käse, das Brot durch Kartoffel, die  Kaffeekonserven durch Kaffee oder Tee und Zucker, Milch, Schokolade oder Einbrennsuppe ersetzt werden können. – Das Brot und der Tabak, eventuell auch die Kaffeekonserven werden vom Mann selbst, das Übrige – die Kostportion – wird auf der Fahrküche fortgebracht.

Ausser den erwähnten Teilen der normalen Tagesportion trägt der Mann noch eine sogenannte „Reserveportion“, die , aus Konserven oder sonstigen haltbaren Artikeln bestehend, nur dann verzehrt werden darf, wenn jedwede Art der Verpflegsbeschaffung versagt,  der Mann also sonst dem Hunger preisgegeben wäre. – Die Reserveportion ist demnach ein Vorsichtsvorrat für Notfälle;  eine zweite derlei Portion befindet sich auf dem Proviantwagen, kann jedoch ebenfalls von der Mannschaft fortgebracht werden, wenn das Nachkommen der Proviantwagen zweifelhaft wird.

Für jedes Pferd sollen täglich abends bei der Truppe 13 Kilogramm Hafer – eventuell statt dessen teilweise Gerste, Mais und dergleichen – vorhanden sein. – Hievon zählen 6 Kilogramm als Gebühr für den folgenden Tag, 7 Kilogramm als Vorsichtsvorrat mit der analogen Bestimmung, wie die zwei Reserveportionen des Mannes.

Im wechselnden Gespräche verstrich rasch die Zeit. – Um 10 Uhr 30 Minuten – das Regiment war schon seit 6 Uhr auf dem Wege und hatte schon 20 Kilometer zurückgelegt – kam der Befehl,  bis 12 Uhr Rast zu halten.
Das Regiment bog von der Strasse auf eine Hutweide ab und schloss dort auf; die Mannschaft setzte die Gewehre in Pyramiden an und legte das Gepäck ab. – Es dauerte nicht lange, so kamen die Fahrküchen angerückt; eine Viertelstunde später hatte jeder Mann sein Gulyas in dem als Essschale dienenden Kochgeschirr und bald darauf auch im Magen. – Der Marsch hatte Appetit gemacht.

Ich bewunderte ehrlich dieses “Tischlein deck dich“, das den bezeichnenden Namen „Fahrküche“ führt, und unterzog es einer näheren Betrachtung.:
Der Wagen – denn ein solcher war es – besteht aus zwei Teilen; der vordere Teil dient als Speisekammer, der rückwärtige Teil ist der eigentliche Kochherd mit drei grösseren und einem kleineren Kessel; darunter befindet sich der Feuerraum. –
Vor dem Abmarsche wird angefeuert, während des Marsches nachgeheizt; derart war die Kost zur Zeit des Eintreffens auf dem Rastplatze gargekocht und konnte sofort ausgegeben werden.

Man belehrte mich, dass im allgemeinen auf 150 bis 250 Mann, also auf jede Kompagnie,  Eskadron,  Batterie usw. eine Fahrküche entfalle. – Kleinere Abteilungen besitzen statt der Fahrküche sogenannte „Kochkisten“. – Jede solche durch Isolierschichten als Thermophor wirkende Kochkiste enthält einen fest verschliessbaren Kochkessel und einen kleinen Feuerherd.
Vor dem Abmarsche wird das Wasser des auch mit den zubereitenden Artikeln gefüllten Kessels auf Siedetemperatur gebracht, hierauf das Feuer gelöscht, Kessel und Ventil geschlossen und der Kessel in der Kiste versorgt. – Das Garkochen vollzieht sich dann ohne weitere Bedienung während des Marsches.

Die Vorteile der Fahrküchen und Kochkisten sind einleuchtend. – Sie sind eine Errungenschaft der jüngsten Zeit.
Vordem musste die Kost auf den Kochherden der Zivilbevölkerung oder, wo solche nicht verfügbar waren (was oft der Fall), auf den eigenen Kochgeschirren der Mannschaft zubereitet werden. – Dies war, zumal bei Wind und Regen eine langwierige Sache;  auch  blieb das Fleisch meist zähe oder hart und die Suppe hatte Rauchgeschmack.

Präzise um 12 Uhr mittags wurde der Marsch fortgesetzt und gegen 3 Uhr nachmittags in die Marschstation eingerückt.
Hier wiederholte sich der gleiche Vorgang des „Menagierens“,  nur war es diesmal ein vollständiges, aus Suppe, Fleisch und Gemüse bestehendes Mahl, das verabreicht und mit Behagen verzehrt wurde.
Abends wurde,  wie ich später erfuhr,  noch schwarzer Kaffee gekocht und ausgeteilt.   Die Tagesportion war verzehrt.

Mich interessierte nun, in welcher Art jene für den folgenden Tag herbeigeschafft würde, und ich begab mich daher auf die Suche nach dem Proviantoffizier. – Ich fand ihn in Verhandlungen mit dem Gemeindevorsteher und hörte, wie er diesem jene Mengen an Verpflegsartikeln bezeichnete,  welche die Gemeinde zu liefern hatte:
„Neun vollgewichtige Ochsen, zweiundzwanzig Zentner Mehl, eineinhalb Zentner Salz,  fünfzehn Zentner Hafer ....“ und dergleichen mehr.
Ich äusserte meinen Zweifel, ob der kleine Ort alle diese Artikel werde liefern können.. - Darauf erwiderte der Proviantoffizier, dass nach seiner Schätzung der Ort etwa sechshundert Einwohner habe, dass die Gegend wohlhabend sei und dass nach seiner Erfahrung ein solcher Ort  auch noch viel mehr abgeben könnte;  nur an Brot, Tabak und Hafer gebe es meist Mangel. --- Wenn man alles was eine Armee fürs Leben braucht, von rückwärts zuschieben wollte, würde man eine enorme Zahl von Wagen hiezu benötigen, wobei es noch immer fraglich bliebe, ob die Vorräte rechtzeitig zu den Truppen kämen.
« Letzte Änderung: Fr, 18. Juni 2010, 22:16 von Adjutant »
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Re: Der Verpflegsdienst im Kriege
« Antwort #1 am: Fr, 18. Juli 2008, 07:21 »
DER  VERPFLEGSDIENST  IM  KRIEGE   2. Teil

Darüber, dass die Bewohner manchmal jammern, müsse man sich hinwegsetzen; . auf Sentimentalitäten könne man sich im Kriege nicht einlassen. – Schliesslich werde ja alles bezahlt oder doch quittiert.

Ich konnte mich später überzeugen, dass die Gemeinde tatsächlich die angeforderten Verpflegsmengen zu bestreiten vermochte; nur an Brot, Tabak und Hafer gebrach es, und es blieb,  da an Stelle des Hafers auch Gerste und Mais nicht in hinreichender Menge aufzutreiben war, in allen genannten Artikeln ein nennenswertes Manko. Indessen – 6 Uhr nachmittags war der Provianttrain des Regimentes angekommen und auf dem „Parkplatze“ aufgefahren. – Etwa eine halbe Stunde später rückten noch elf  von Zivilkutschern geführte und von einem Trainsoldaten begleitete Wagen ein.

Ich erfuhr, dass dies die auf das Regiment entfallende „Wagenpartie der Verpflegsstaffel“ sei und dass diese die eintägige Verpflegung für das Regiment enthalte. – Soweit die an Ort und Stelle erlangbaren Artikel nicht ausreichen,  könne das Fehlende der Wagenpartie entnommen werden. – Hiedurch sei garantiert, dass die Truppe täglich erhalte,  was sie am nächsten Tage brauche.

Bald wurden auch etwa ein Dutzend Säcke mit Hafer von einem der Wagen, Tabak von einem anderen Wagen herabgeholt und das in der Wagenpartie vorhandene Brot den einzelnen Abteilungen des Regimentes  überwiesen.

Fertiges Brot, so belehrte man mich, ist meist nur in sehr beschränkter Menge erhältlich. – Verfügt die Truppe, wie etwa an Rasttagen oder während sonstiger längerer Stillstände, über ausreichende Zeit,  so kann sie sich das nötige Brot durch die eigenen Bäcker,  Zivilbäcker und Ortsbewohner auf den vorhandenen Bäckereien und Hausbacköfen erzeugen lassen. – Mangels solcher werden sogenannte „Notfeldbacköfen“ in der Art hergestellt, dass über einem kegelförmigen Stangengerippe eine kleine Lehmhütte erbaut und diese dann  ausgeheizt wird. – Man muss sich eben zu helfen wissen,  und die Truppe weiss sich immer und in allen Lagen zu helfen, wie jeder beobachten kann, der Gelegenheit hat, mit ihr im Felde oder auch nur in Manöverzeiten zu leben.

Auf einer Wiese nahe dem Ortsrande hatte mittlerweile die Schlachtung der von der Gemeinde gelieferten 9 Ochsen begonnen. – Es wurde 10 Uhr abends, bis die Fleischhauer des Regiments gemeinsam mit dem zur Unterstützung herangezogenen Ortsfleischhauer die Schlachtung vollendet hatten; die Verteilung des Fleisches an die Kompagnien blieb grösstenteils dem folgenden Morgen vorbehalten. – Sehr ermüdet suchte ich endlich mein bescheidenes Nachtquartier auf und versank alsbald in einen tiefen Schlaf.

Als ich am Morgen erwachte, war das Regiment bereits abmarschiert. – Ich machte mich rasch reisefertig, nahm ein kurzes Frühstück zu mir und begab mich an die Strasse. – Soeben durchzogen die letzten Truppen den Ort. – Ihnen folgte eine Reihe von Artilleriefuhrwerken, die angeblich Gewehr- und Geschützmunition enthielten,  schliesslich die Provianttrains der verschiedenen Truppen;  auch der vom Infanterieregimente Nr. 4 zurückgelassene Provianttrain reihte sich ein.

Nach den Provianttrains passierte eine gegen 1000 Schrittt lange Kolonne von Landesfuhrwerken – die Staffel 2 der Infanterieverpflegskolonne. –
Ich erfuhr,  dass jede solche Staffel, deren die Verpflegskolonne mehrere zählt, in eine Anzahl Wagenpartien zerfällt, auf welchen die für den Tag nötigen Verpflegsartikel für das Truppendivisionskommando, die 4 Infanterieregimenter der Division, die Divisionskavallerie, für das Feldkanonenregiment, die Feldhaubitzdivision, die Sappeurkompagnie und für die Sanitätsanstalt verladen sind. – Man braucht nach Beendigung des Marsches zu jedem Truppenkörper usw. nur die entsprechende Wagenpartie zu senden und schon verfügt dieser --. Fleisch, Getränke und Heu ausgenommen – über alles, was er für den folgenden Tag braucht. --- Dies ist freilich sehr bequem;  aber es mag den Verpflegsbeamten ziemlich viel Zeit und Mühe kosten,  um  die verschiedenen Verpflegsartikel so genau auf die einzelnen Wagenpartien zu verteilen! - Das Fleisch wird, da es rasch verdirbt, von den Verpflegsstaffeln nicht mitgeführt, sondern soll grundsätzlich  im Nächtigungsraum von den Truppen aufgebracht werden. – Auch wird Schlachtvieh für vierTage den Truppen nachgetrieben und nach Bedarf zur Schlachtung herangezogen.
Ein Nachführen von Heu entfällt unter gewöhnlichen Verhältnissen ganz, da man rechnet, es stets in hinreichender Menge vorzufinden; übrigens gibt es ja Grünfutter meist allerorten genug. Hinter der Verpflegsstaffel folgten wieder Munitionsfuhrwerke.

Dann rückte eine Wagenkolonne heran, in welcher mir mehrere. kleine Lokomotiven ähnliche Fuhrwerke auffielen. – Es war dies die Divisionsbäckerei. – Sie erweckte begreiflicherweise mein Interesse in erhöhtem Masse und so attachierte ich mich für den Marsch einem der zur Bäckerei gehörigen Verpflegsbeamten. – Dieser unterzog sich der Mühe, mir das Wesen dieser Verpflegsanstalt, die in dieser Art gleich den Fahrküchen und Kochkisten eine Errungenschaft jüngster Zeit ist, zu erklären.

Die kleinen „Lokomotiven“ sind auf Räder gestellte, also fahrbare eiserne Backöfen; die sonstigen Fuhrwerke führen Mehl, Kümmel, Salz. ferner die erforderlichen Bäckereigeräte, schliesslich Verpflegung für das Personal und eine Anzahl Zelte mit, um den Betrieb an beliebigem Orte  aufnehmen zu können.
Die Divisionsbäckerei verfügt über 10 Ofenwagen und kann in jeder Betriebsstunde etwa 500 Brotwecken,  d.i. 1000 Portionen Brot erzeugen. -. Die Vorbereitungen für den Betrieb werden vor Antritt des Marsches, teils auch während desselben getroffen,  gebacken aber wird nur im Stillstande. – Dauert der Tagmarsch 8 Stunden, so ergeben sich, da das Marsch bereit machen und später die Etablierung ungefähr 3 Stunden beanspruchen, 13 Betriebsstunden, innerhalb der die Bäckerei rund 13.000 Portionen Brot zu erzeugen vemag. – Auf jeden Mann der Truppendivision entfällt dann durchschnittlich eine halbe Brotration. – Statt der in solchem Falle fehlenden zweiten Portionshälfte wird Zwieback oder Mehl ausgegeben,  soferne nicht fertiges Brot im Nächtigungsraume erhältlich ist.
An jedem Morgen gibt die Bäckerei das bis zu diesem Zeitpunkte hergestellte Brot an die Verpflegsstaffel ab, die es abends zu den Truppen bringt...

Jedes Korps besitzt nebst den Bäckereien der 2 oder 3 Truppendivisionen.noch die sogenannte „Korpsbäckerei“. – Diese entspricht nach der Zahl der Öfen und auch in ihrer sonstigen Ausrüstung einer halben Divisionsbäckerei und hat die Bestimmung, Brot für jene Anstalten und Trains zu erzeugen, welche im Marsche und in der Nächtigung an der Queue des Korps eingeteilt, daher nicht gut in der Lage sind, Brot von den Divisionsbäckereien zu empfangen. – Übrigens können einzelne Ofenpartien der Korpsbäckerei zur Verstärkung der Divisionsbäckereien verwendet werden.
Für eine mehr stabile Verwendung  dienen die „Reservebäckereien“ , für diese wird das nötige Material teils mitgebracht, teils erst an Ort und Stelle beschafft.


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Re: Der Verpflegsdienst im Kriege
« Antwort #2 am: Fr, 18. Juli 2008, 07:39 »
DER  VERPFLEGSDIENST  IM  KRIEGE   3. Teil

Es war wieder ungefähr 10 Uhr vormittags, als die Division, wie am Vortage, lange Rast hielt. – Ein Teil der Divisionsbäckerei, darunter alle Ofenwagen, setzte jedoch den Marsch schon nach einigen Minuten fort, um im zukünftigen Nächtigungsraume bald zum Betrieb zu kommen. --- Dort – es war 1 Uhr nachmittags – zunächst des gewählten Etablierungsortes angekommen, schwenkten die Ofenwagen mit ihren zwei Trabanten, dem Teig- und Zeltwagen, nacheinander von der Strasse auf eine Wiese ab. – Die Zelte wurden aufgeschlagen, die Ofen paarweise mit ihrem rückwärtigen Teil eingeschoben, die Geräte bereitgestellt. – Bereits gegen 3 Uhr konnte mit dem „Einschiessen“ der ersten „Hitze“ – 50 bis 60 Teigwecken für den Ofen – begonnen werden. – Zu dieser Zeit rückte auch der zweite Teil der Bäckerei ein.
Ich verbrachte den Rest des Tages und die Nacht bei der Bäckerei; da Regen eingetreten und kühle Aussentemperatur war, gestaltete sich der Aufenthalt unter dem Zelte recht angenehm.

Am folgenden Tag, den 5. September, war Rasttag. – Diesen wollte ich benützen, um einen einstigen Schulgenossen, Unterintendant Laufer, der beim 1. Infanterie-truppendivisionskommando  eingeteilt war, zu besuchen. – Wir hatten gemeinsam das Gymnasium in Brünn besucht;  dann trennten sich unsere Wege -  -  ich ging an die Universität nach Prag, er wurde Offizier, absolvierte nach sechsjähriger Truppendienstleistung, den Intendanzkurs in Wien, wurde der Intendanz zugeteilt und nach zwei Jahren zum Unterintendanten ernannt. --  Als solchen traf ich  ihn im Vorjahre in Brünn wieder.

Ich erinnere mich noch sehr gut des Gleichnisses, mit welchem er mir in populärer Art den Intendanzdienst erklärte:  Die Intendanz sei die Mutter in der grossen Familie „Armee“, die den ganzen Haushaltungsdienst leitet. – Die Ausübung dieses Dienstes sei den Töchtern in der Art übertragen, dass je einer Tochter die Sorge für die Verpflegung, für die Bekleidung, für die Geldgebarung, für die Rechnungsführung und deren Kontrolle zukomme.
Im Kriege sei die hauptsächlichste  Aufgabe der Intendanz:  die Verpflegung der Armee. -  Er setzte mir damals diesen Dienst in grossen Zügen auseinander, doch fehlten mir die grundlegenden Vorstellungen, um seinen Ausführungen mit Verständnis folgen zu können. – Vielleicht sollte mir dies heute gelingen.

Wirklich hatte ich das Glück, ihn in Drauberg, dem Standorte des Truppendivisionskommandos,  bald zu finden. – Ich trug ihm mein Anliegen vor und, da Rasttag war, fand er auch Zeit, mir die gewünschte Orientierung zu geben. – Und nun will ich ihn hier selbst reden lassen:

„Vor einigen Jahren brachte eine Tageszeitung einen interessanten Artikel, betitelt „Der Magen von Wien“, in welchem die Mengen an verschiedenen  Nahrungsmitteln angegeben waren, die in Wien innerhalb eines Jahres konsumiert werden. – Es waren ganz erstaunlich hohe Ziffern, die da zur Sprache kamen; mir sind sie nicht mehr genau erinnerlich, aber die Zahl der Zentner Fleisch und Mehl zum Beispiel ging in die Hunderttausende.“

„Der grosse, vielfältige Apparat, welcher tätig ist, um jene Mengen an Konsumwaren in die Stadt zu bringen und dort zu verteilen, bis schliesslich jeder Haushalt das Seinige hat, ist Dir annähernd bekannt, ebenso welch enorme Zahl von Händen täglich beschäftigt ist, um die Nahrungsmittel soweit nötig, zu verarbeiten und „mundgerecht“ zu machen.“

„Der Apparat arbeitet wie ein Uhrwerk und kann dies wohl auch, denn die Menschen sind sesshaft und alles geht die gewohnten Wege.“

„Wien zählt rund zwei Millionen Einwohner, die Armee eines Grosstaates leicht eine Million Soldaten, dazu eine grosse Zahl von Pferden“.

„Entsprechend der letzten Ziffer denke Dir nun, dass die halbe Bevölkerung von Wien zu wandern beginnt, alle im grossen´in der gleichen Richtung, auf zahlreichen Wagen täglich fünfzehn bis zwanzig Kilometer fortschreitend!  Eine Million Menschen und 250.000 Pferde überfluten täglich ein Gebiet,  in dem sonst vielleicht nur  150,000 Menschen und 7000 bis 8000 Pferde leben.“

„Hiemit sei vergleichsweise und ganz allgemein die Schwierigkeit angedeutet, eine moderne Armee fortlaufend mit den nötigen Nahrungsmitteln zu versorgen oder wie der Fachausdruck lautet  zu verpflegen. --- Was eine Armee von einer Million Menschen und 250.000 Pferden täglich verzehrt, macht im Gewichte rund 40.000 Meterzentner aus. – Zu ihrer Fortschaffung würden 400 Eisenbahngüterwagen oder 4000 bis 5000 zweispännige Wagen nötig sein“.

„Es wird daher mit Berechtigung angestrebt, die Armee, soweit irgend möglich, von den im  Operationsraume vorhandenen Verpflegsmitteln leben zu lassen, aber es ist andererseits leicht einzusehen, dass, was das Land bietet, in vielen Fällen nicht ausreichend ist. --  Die Notwendigkeit, eine grössere Menge an Verpflegsvorräten auf Fuhrwerken mit sich zu führen,  ist daher,  obwohl die Bewegungsfreiheit  der Armee hierunter leidet, nicht zu umgehen. --- Darum verfügt jede Infanterie- und Kavallerietruppendivision über einige hundert Fuhrwerke, die in Tagesstaffel gegliedert, bestimmt sind, an die Truppen jene Vorräte abzugeben, die diese an Ort und Stelle nicht aufzubringen vermögen. --- 2 von diesen Staffeln sind übrigens Konserven- (Reserve-) Staffel und haben gegebenenfalls die etwa verzehrten Reserveportionen der Truppen zu ersetzen. – Leergewordene Verpflegsstaffel sind sobald als möglich zu füllen. – In der Mehrzahl der Fälle wird der Ersatz von rückwärts zugeschoben oder von dort abgeholt werden müssen. – Derart vermitteln die Staffel den Nachschub zwischen Bahn (Schiff) einerseits und den Truppen anderseits.

Reicht die verfügbare Zahl von Staffeln nicht aus, so muss eine Vermehrung eintreten oder die Quelle vom Bahn-(Schiffahrts-) Endpunkte weiter nach vorne verlegt werden. – Hiefür kommen wieder Fuhrwerke oder Lastautomobile,  schliesslich Pferde- Lokomotivfeldbahnen in Betracht.

Diese sind Schmalspurbahnen, deren bereits im Frieden vorrätig gehaltenes Material so beschaffen ist,  dass die Geleise ohne jede Umständlichkeit ausgelegt werden können. – Der Transport auf solchen Feldbahnen erfolgt mittels kleiner Waggons, von denen jeder ungefähr soviel Ladung aufnehmen kann, wie drei bis vier Strassenfuhrwerke.

Im Gebirge tritt,  sobald die fahrbaren Kommunikationen verlassen werden müssen, das Tragtier- Tragpferd, Maultier, Maulesel, Esel – an die Stelle der Wagen. – Die zulässige Traglast eines Tragtieres beträgt höchstens 1 Meterzentner, kommt also nur dem sechsten bis zehnten Teil der Ladung eines zweispännigen Wagens gleich. --- Dieser Umstand zwingt, in der Last zu sparen, indem möglichst auf leichte und kompendiöse Verpflegsartikel gegriffen, andererseits der Mann selbst reichlicher mit Verpflegung ausgestattet wird.

An Stelle  der Fahrküchen treten Kochkisten, an Stelle der fahrbaren Bäckereien Gebirgsbäckereien,  deren einzelne Bestandteile auf Tragtieren fortgebracht werden können. – Übrigens wird sich der Soldat im Gebirge häufig mit Zwieback bescheiden müssen.

Zur Ausübung des Verpflegsdienstes im Kriege ist begreiflicherweise eine ziemlich grosse Zahl verschiedener Personen nötig. – Hiezu zählen Bäcker, Fleischhauer, Köche, Stabsführer, ferner bei den Truppen die Proviantoffiziere und deren Gehilfen, bei den  Verpflegsanstalten die Verpflegsbeamten und die Verpflegsmannschaft, bei den höheren Kommanden die zur Leitung des gesamten Verpflegsdienstes berufenen „Intendanturbeamten.“

„Wohl der Armee, die über durchaus tüchtige Proviantoffiziere, Verpflegs- und Intendantursbeamte verfügt; denn der Verpflegsdienst ist nicht nur einer  der schwierigsten, sondern auch einer der wichtigsten Dienste im Felde!
Bewiesen doch erst die jüngsten Kriegsereignisse, dass Hunger leicht ein gefährlicherer Feind ist, als der wirkliche Gegner.“
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