Autor Thema: Die Sappeurtruppe  (Gelesen 2219 mal)

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Die Sappeurtruppe
« am: Do, 18. März 2010, 14:49 »
DIE   SAPPEURTRUPPE

von  ARTUR  RITTER  MÜLLER  VON  ELBLEIN


Was Schiller von Wallenstein sagt:  „Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“, kann man vollständig auch von den Festungen sagen. Die Kriegsgeschichte zeigt bis einschliesslich des Feldzuges 1866 einen ewigen Wechsel zwischen Überschätzung und Missachtung der Befestigungskunst, sowie der Ansichten über den Einfluss der Festungen und deren Bekämpfung auf den Kriegsausgang.

Erst seit dem Deutsch-Französischen Kriege tritt der Wert der Befestigungen stark in den Vordergrund. So fiel Lothringen den Deutschen zu, als Bazaine kapitulierte. Strassburgs Fall hatte für Frankreich den Verlust des Elsass zur Folge, die Übergabe von Sedan bereitete dem zweiten Kaiserreich ein Ende und der Fall von Paris schloss den ganzen Feldzug ab.

In weiterer Folge sehen wir, dass der Russisch-Türkische Krieg im Kampfe um Plewna, und der Burenkrieg in jenem um Ladysmith und Mafeking kulminierte, sowie dass in Ostasien die Russen-Herrschaft mit Port Arthur fiel. Im Balkankrieg fällt Thrazien dem zu, dem Adrianopel gehört, während der Herr von Albanien, beziehungsweise Epirus, der ist, der Skutari, beziehungsweise Janina besitzt.

Aus allen diesen Beispielen sieht man also, dass der Fall oder Erhalt von Festungen in den letzten vier Jahrzehnten den Kriegsausgang bestimmte.

Diese Worte über den großen Wert der Festungen und den daher auch besondere Bedeutung für den Kriegsausgang besitzenden Kampf um feste Plätze sollen einleitend den Zweck der vor einem Jahr erfolgten Aufstellung der Sappeurtruppe erläutern.

Bis Ende September 1912 bestanden in Österreich-Ungarn an technischen Truppen nur die Eisenbahn-, Telegraphen- und Pioniertruppe, welch letzterer alle im Feld- und Festungskriege durchzuführenden technischen Arbeiten sowohl auf dem Wasser als auch auf dem Lande oblagen; speziell für den Festungskrieg waren die fünften Kompagnien aller Pionierbataillone bestimmt, die aber trotzdem  auch den normalen Wasserdienst wenn auch in verringertem Masse bewältigen mussten.

Nicht nur die Erfahrungen der letzten aussereuropäischen Kriege, sondern auch das stete Fortschreiten auf militärisch technischem Gebiete, die Fortschritte der Artillerie, der positiven Widerstandsmittel und ihrer Zerstörungsgeräte zeigten, dass einerseits die Zahl der für den Festungskrieg bestimmten Pionierkompagnien eine viel zu geringe sei und dass andererseits eine einzige Truppe nicht imstande ist, den vielseitigen gesteigerten Anforderungen der Kriegstechnik in allen Sätteln gerecht zu werden, dass also eine weitere Spezialisierung der technischen Truppen eintreten müsse; dies führte vor zwei Jahren zur Reorganisation der Pioniertruppe, indem aus ihren 15 Bataillonen, 14 Sappeur- und 8 Pionierbataillone geschaffen wurden.

Wenn also auch die Sappeutruppe erst vor zwei Jahren aufgestellt wurde, so darf man sie trotzdem nicht als eine ganz junge Truppe betrachten; sie ist stolz darauf, auf eine langjährige ruhmreiche Tradition zurückzublicken, da sie sich als Nachfolgerin und Erbin von Korps und Truppen fühlt, die vor fast 200 Jahren errichtet wurden.

Aus dem 1716 als Bestandteil der Artillerie aufgestellten Mineurkorps und dem 1760 errichteten Sappeurkorps wurde im Jahr 1851 die Genietrupppe formiert, die im Jahre 1893 durch Vereinigung mit dem Pionierregiment in 15 selbständige Pionierbataillone umgewandelt wurde;  aus diesen wurden wieder wie früher erwähnt mit  1. Oktober 1912  14 Sappeur- und 8 Pionierbataillone,  sowie je ein Kader  für Brückenbau und Flussminen neu formiert.

Durch diese Scheidung der Pioniertruppe in zwei Schwesterwaffen ist die Sappeurtruppe zur hauptsächlichen Trägerin des Landdienstes geworden, der infolge der grossen Fortschritte der Technik eine bestimmte Reihe schwieriger Aufgaben in sich birgt;  wir erwähnen von diesen Aufgaben besonders alle technischen Arbeiten des Festungskrieges, die schwierigen Arbeiten der Feldbefestigung, Sprengwesen, Bau von Notbrücken aller Art und von Eisenbahnprovisorien,  Strassen-,  Eisenbahn-, Telegraphenbau usw.

Die weitaus schwierigste und gefahrvollste Aufgabe, die zu erfüllen, die Sappeurtruppe berufen ist,  bildet der Angriff auf befestigte Stellungen oder Plätze und die Mitwirkung beim Sturme. Denken wir nur an die Tätigkeit der Sappeure beim Minenkriege,  wo sie mehrere Meter tief unter der Erde arbeiten müssen, jeden Moment gewärtigend, durch eine feindliche Minengegenwirkung – ähnlich wie ein Bergmann im Schacht bei schlagendem Wetter einfach verschüttet zu werden; trotzdem muss und wird der Sappeur im steten Bewusstsein einer solchen ihn unter der Erde treffenden Gefahr – gleich seiner in freier Natur kämpfenden Kameraden anderer Waffen unerschrocken seine schwere Pflicht weiter erfüllen und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln trachten, seinem Gegner auch das Los zu bereiten, das ihm zugedacht ist !

Besonders aber bei der Einleitung des Sturmes auf befestigte Stellungen oder Plätze und beim Sturme selbst ist die Tätigkeit der Sappeure nicht nur die weitaus wichtigste, sondern auch ihre vornehmste Arbeit; denn ohne diese Arbeit würde der Schlussakt des Angriffes trotz der intensivsten Tätigkeit der Hauptwaffen unmöglich sein.

Diese Tätigkeit der Sappeure fordert nicht nur technisches Können,  sondern auch die höchsten Soldatentugenden: Mannesmut, Todesverachtung und strammste militärische Disziplin; denn die Sappeure müssen sowohl beim Niederringen der Hindernisse wie auch an der Spitze der Sturmkolonnen allein unerschrocken zur Erfüllung ihrer Aufgaben vorgehen, ohne von einer Schusswaffe Gebrauch machen zu können.

Freilich werden sie hierbei von eigenen, seitwärts in Deckung befindlichen Infanterie-abteilungen unterstützt werden, aber der Gegner wird doch in erster Linie durch sein Feuer jene Leute das sind eben die Sappeure unschädlich zu machen trachten, die den Einbruch in seine Stelllung vorbereiten und ermöglichen sollen.

Die Sappeure müssen jedoch bei solchen Aktionen in dem sicheren Bewusstsein vorgehen, dass sie mit Bestimmtheit so grosse Verluste zu gewärtigen haben, wie kaum eine andere Truppe, und dieses Bewusstsein sagt  mit Recht, dass die Sappeurtruppe, wenn sie auch nicht zu den Hauptwaffen gehört, doch eine Kampftruppe erster Linie ist !

Dass nun die Sappeurtruppe wenn auch nur als Hilfswaffe bezeichnet tatsächlich eine moderne Kampftruppe erster Linie ist, wird weiters auch dem nichtmilitärischen Leser dieser Zeilen aus dem Vergleich einleuchten, den wir zwischen der bestandenen Genietruppe als Vorfahrin der Sappeurtruppe und dieser selbst in Bezug auf ihre Verwendung im Kriege ziehen wollen:

Die Genietruppe war seinerzeit nur quasi als technisches Hilfsreservoir für die gesamte Armeeleitung bestimmt, als welches sie fallweise nach eintretendem Bedürfnis bei der oder jener Armeegruppe oder und das hauptsächlich in festen Plätzen verteidigungsweise verwendet wurde.

Die neue Sappeutruppe hingegen wird schon von Haus aus den einzelnen Armeeteilen zugewiesen, muss in deren vordersten Linien in offensiver Weise am Vormarsche teilnehmen und ist vor allem dazu berufen, alle dem Vormarsch im Wege stehenden Hindernisse aller Art sei es durch Bau von Stegen oder Notbrücken, sei es durch Befestigung von Gefechtsfeldern usw. rasch wegzuräumen.

Bei dieser die Regel bildenden Einteilung der Sappeure in der vordersten Linie der Armeeteile wird die Sappeurtruppe auch insofern in wahrster Beziehung des Wortes Kampftruppe sein, als sich ihr nicht selten die Gelegenheit bieten dürfte, von den in ihrer Ausrüstung befindlichen beiden Waffen, das ist Gewehr und Sprengmunition, in erster Linie Gebrauch zu machen und mit ihrem vorzüglichen Stutzen gerade so tapfer und mit ebensolcher Begeisterung für Kaiser und Reich zu kämpfen wie die Königin der Hauptwaffen !

Dass die anderen früher erwähnten Aufgaben der Sappeurtruppe an diese in jeder Beziehung auch hohe Anforderungen stellen, ist zu selbstverständlich, als dass man darüber viele Worte verlieren sollte: auch würde eine Erläuterung derselben den Umfang dieser Zeilen weit überschreiten.

Es muß aber hier jedoch hevorgehoben werden, dass speziell der Offizier der Sappeurtruppe in allen Zweigen der Ingenieurwissenschaften und ihrer praktischen Anwendung auf die Kriegstechnik voll bewandert sein muss, wenn er seine Kenntnisse im Felde zum Wohle des Ganzen verwerten will; nur kann sich diese Verwertung begreiflicherweise nicht auf die nur im Frieden und daher leichter zur Verfügung stehenden, modernsten, nur Ausbildungszwecken dienenden technischen Hilfsmittel basieren, sondern muss nur auf die in der normalen Ausrüstung vorhandenen einfacheren Mittel und die vorfindbaren Behelfsmaterialien gestützt -–kurz gesagt:: „feldmässig, aus dem Sattel erfolgen.

Aber ein Thema muss noch näher berührt werden, und zwar der Wasserdienst, der die Sappeurtruppe betrifft. Wenn es auch richtig ist, dass der Sappeurtruppe in erster Linie die Aufgaben des Landdienstes zufallen, so würde doch der Sappeur kein ganzer technischer Soldat sein, wenn er nicht auch im Dienste auf dem Wasser seinen Mann stellen könnte.
Die Bedienung des Kriegsbrückenmaterials obliegt zwar nur der Pioniertruppe, jedoch im Bau aller Arten von Notbrücken und speziell von Eisenbahnprovisorien Überschiffungen mit dem Kriegsbrückenmateriale über größere Gewässer leisten müssen, während es der Sappeurtruppe in höherem Masse obliegen wird, den Notbrückenbau nicht nur im Etappenraume, sondern besonders in erster Linie auszuführen.

Dass die Sappeurtruppe auch im Wasserdienste und im Bau von Notbrücken und Eisenbahnprovisorien ihren Mann stellen muss und auch schon gestellt hat, beweisen die vielen Assistenzen, die im Laufe des Vorjahres von Detachements der Sappeurbataillone Nr. 1, 7, 10, 11, 12, und 13 bei Hochwasser-Hilfsaktionen in Galizien, Bosnien, Ungarn, Kroatien mit von höchsten Stellen anerkanntem Erfolge geleistet wurden.

Die Sappeurtruppe ist als solche zwar erst vor etwas mehr als einem Jahr aufgestellt worden,  sie hat aber doch schon in dieser kurzen Zeitspanne gezeigt, dass sie trotz der ihr vorderhand noch nicht in ausreichendem Masse zur Verfügung stehenden Mittel getreu dem Wahlspruch unseres geliebten Kaisers „Mit vereinten Kräften“ auch ihre besten Kräfte in den Allerhöchsen Dienst und zum Wohl des allgemeinen Vaterlandes zu stellen versteht. Anspornend für sie wird auch stets das Bewusstsein wirken, dass sich unter ihren Vorfahren im Mineur-, Sappeur- und Geniekorps 11 Kommandeure und 43 Ritter des Maria-Theresien-Ordens und unzählige Soldaten befinden,  die sich die Tapferkeits-Medaille erkämpft haben.

Besonders aneifernd wird jedoch allezeit auf die Sappeurtruppe das Beispiel der bei der Verteidigung der Sperren von Malborghet und Predil im Jahre 1809 ruhmvoll gefallenen Helden, der Ingenieurhauptleute Johann Hermann von Hermannsdorf und Friedrich Hensel wirken, welche die genannten Befestigungen erbaut und die Übertragung ihrer Verteidigung erbeten hatten.

Auf der zur ewigen Erinnerung an diese Helden der österreichischen Thermopylen im historischen Saal der Technischen Militärakademie in Mödling gewidmeten Ehrentafel befinden sich in goldener Inschrift folgende Schlussworte:

   „Ihnen strebet nach !
   Erreichen könnt ihr sie, übertreffen nicht !“

Diese erhabenen Worte werden für alle Sappeure zeitlebens die Devise bleiben, unter der sie mit  Freude ihr Gut und Blut für Kaiser und Reich gebenwerden !
« Letzte Änderung: Fr, 18. Juni 2010, 21:57 von Adjutant »
" Tradition ist die Flamme hüten und nicht die Asche bewahren "
Grüße aus Wien

 


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