Autor Thema: Arbeitslager Nürnberg  (Gelesen 774 mal)

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Arbeitslager Nürnberg
« am: Di, 13. Februar 2007, 21:18 »
Am 12.Mai 1941 wurden 58 Häftlinge des KZ Dachau in die Nürnberger SS-Kaserne, Frankenstraße 204, gebracht. Damit war das erste KZ-Außenlager in der «Stadt der Reichsparteitage Nürnberg» begründet. Es gehörte zur ersten Generation von KZ-Außenlagern, die die SS für ihren eigenen Bedarf einrichtete. Die Häftlinge wurden im Keller eines Nebengebäudes der SS-Kaserne untergebracht, das wegen seines Grundrisses «H-Gebäude» hieß und als Turn- und Exerzierhalle diente. Die Kaserne lag am Rand des Reichsparteitagsgeländes und war zwischen 1936 und 1939 nach Plänen des Architekten Franz Ruff im Auftrag der SS erbaut worden. Sie sollte bei den Reichsparteitagen als Unterkunft für die Mannschaften dienen, Nebengebäude waren als Unterkunft für höhere SS-Ränge während der Reichsparteitage gedacht. Tatsächlich wurde die Kaserne, da während des Krieges keine Reichsparteitage stattfanden, zur Ausbildung von SS-Nachrichteneinheiten genutzt.
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Von Anfang an war das KZ-Außenlager in der SS-Kaserne arbeitsmäßig zweigeteilt: Die meisten Häftlinge arbeiteten für die «Arbeitsgemeinschaft SS-Unterkunft» bzw. die «Bauleitung der Waffen-SS und Polizei Nürnberg», die übrigen direkt für die «SS-Nachrichten-Ersatz-Abteilung». Die Hauptaufgabe der KZ-Häftlinge war es zunächst, Bauarbeiten im Bereich der SS-Kaserne auszuführen. Wie sich einer der Häftlinge, der Kapo des Außenlagers Hugo Jakusch aus München, erinnert, waren für dieses Außenlager Junge Männer, die einen handwerklichen Beruf erlernt hatten, ausgewählt worden. Sie bauten Garagen, verlegten elektrische Leitungen und deckten Dächer im Kasernenbereich. Bei ihrer Ankunft in Nürnberg soll die Nürnberger Bevölkerung die Häftlinge mit Steinen beworfen haben, sodass die SS die Häftlingskolonne schützen musste.' Unter den ersten Häftlingen aus Dachau waren 28 Deutsche, 16 Polen, zehn Tschechen, ein «PSV» (Polizeiliche Schutz-Verwahrung)- und ein «AZR» (Arbeitszwang Reich)- Häftling. Die der «SS-Nachrichten-ErsatzAbteilung» zugeordneten Häftlinge waren, wie erhaltene Überstellungslisten nahe legen, insbesondere Schuster, Schneider und Friseure."
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Mit Beginn der Luftangriffe auf Nürnberg waren die Häftlinge auch außerhalb der SS-Kaserne bei der Schutträumung und dem Wiederaufbau von Rüstungsbetrieben eingesetzt. Hugo Jakusch und Jan Predki, beide Häftlinge des ersten Transports aus Dachau, erinnerten sich vor allem an das Außenkommando bei der im August 1942 von Bomben schwer getroffenen Lastwagenfirma Faun in der Wachterstraße. Für den Wiederaufbau innerhalb von vier Wochen soll Rüstungsminister Albert Speer ihnen bei einem Besuch in Nürnberg die Freiheit versprochen haben. Trotz des schnellen Wiederaufbaus kamen die beiden Häftlinge jedoch nicht frei. Im August 1943 wurden die Fabrikationsanlagen von Faun ein zweites Mal und diesmal endgültig zerstört.
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Nachdem bereits ab Februar 1943 einzelne Überstellungen von Häftlingen aus dem KZ- Flossenbürg in die SS-Kaserne Nürnberg erfolgten, führte die SS ab 16. Juni 1943 das Außenlager Nürnberg als Außenlager des KZ Flossenbürg weiter. Die Zahl der Häftlinge schwankt in den sehr lückenhaft erhalten gebliebenen Überstellungslisten zwischen 41 und 175, in den späteren Erinnerungen der Häftlinge zwischen 100 und 300.
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Der Bombenkrieg führte zu einem erhöhten Bedarf an Kräften zur Trümmerbeseitigung und veränderte den Charakter des KZ-Außenlagers in der SS-Kaserne. Außenkommandos in Rüstungsbetrieben, etwa in den Rudolf Chillingworth Werken Nürnberg, und bei der Bombenräumung in Nürnberg traten nun in den Vordergrund. «Die Arbeitseinsätze richteten sich nach den Luftangriffen und nach den betroffenen Stadtteilen in Nürnberg», erinnerte sich ein Häftling bei seiner Zeugenvernehmung nach 1945. Zu diesem Zweck wurden 1944/45 auch aus den KZ-Außenlagern - Pottenstein und  Hersbruck Häftlinge nach Nürnberg überstellt. Ein kleines Kommando von etwa 20 Häftlingen sicherte sich nach dem großen Luftangriff auf Nürnberg am 2. Januar 1945 der Höhere SS- und Polizeiführer Benno Martin für seine Nürnberger Dienstvilla in der Virchowstraße 19, die bereits 1942 das erste Mal von Bomben getroffen worden war.
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Schließlich erfolgte von Nürnberg aus 1944 die Gründung eines weiteren sehr kleinen KZ-Außenlagers in Eichstätt. Insgesamt schilderten nach 1945 befragte Häftlinge die Verhältnisse in der SS-Kaserne und den einzelnen Außenkommandos und den von Nürnberg aus gegründeten Außenlagern als vergleichsweise gut. Sie hatten ein festes Dach über dem Kopf, scheinen halbwegs ausreichend verpflegt worden zu sein und hatten eine Arbeit, die körperlich nicht jenseits jeder Leistungsgrenze lag. Morde von Seiten der SS konnten nicht nachgewiesen werden. Allerdings haben Trümmerräumung und Bombenangriffe wohl einigen Häftlingen das Leben gekostet. Als einziger von den über zehn Kommandoführern des Außenlagers SS-Kaserne ist SS-Hauptscharführer Kurt Schreiber als brutal gegenüber den Häftlingen negativ in Erinnerung geblieben.
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Das Außenlager in der SS-Kaserne wurde im April 1945 evakuiert. Mindestens neun Häftlingen gelang zuvor die Flucht. Am z6. April 1945 kam der größte Teil der Häftlinge im KZ Dachau an. Ein anderer Teil der Häftlinge wurde wahrscheinlich über das KZ-Außenlager Hersbruck evakuiert und dann in Richtung Dachau getrieben. Von dort marschierten die Häftlinge weiter Richtung Süden.
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Die Nürnberger SS-Kaserne wurde ab 1945 bis 1992. von der US Army als Unterkunft für US-Soldaten weiter genutzt. Nach dem Abzug der Amerikaner fiel das Gebäude an die Bundesvermögensverwaltung. Nach einem aufwändigen Umbau zog in das Hauptgebäude das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge ein. Das Nebengebäude, in dem die KZ-Häftlinge untergebracht gewesen waren, wurde abgerissen, um Platz für ein Parkhaus zu schaffen. In einem anderen Nebengebäude, dem «Z-Bau», fand ein selbst verwaltetes Kulturzentrum Platz.
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Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen ermittelte zwar wegen der Vorgänge in der Nürnberger SS-Kaserne, es kam jedoch zu keinem Prozess. In der Nürnberger Erinnerungskultur spielten KZ-Außenlager keine Rolle - zu übermächtig war das Erbe Nürnbergs als «Stadt der Reichsparteitage» und der «Nürnberger Gesetze». Die vergleichsweise unspektakuläre Geschichte des KZ-Außenlagers in der SS-Kaserne Nürnberg ist aber ein Teil der Geschichte des Reichsparteitagsgeländes und ein Beleg für die Gewalt hinter der für viele faszinierenden Fassade der Reichsparteitage.
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Quelle-Der Ort des Terrors (W.Benz und B.Distel)
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Gruß
Josef
« Letzte Änderung: Do, 24. Juni 2010, 22:45 von Ulla »

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Re: Arbeitslager Nürnberg
« Antwort #1 am: Do, 04. Juni 2009, 17:59 »
Zeitungsartikel vom 28.05.09 (Nürnberger Nachrichten)
« Letzte Änderung: Do, 24. Juni 2010, 22:44 von Ulla »

 


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