Autor Thema: Flucht aus Stalingrad  (Gelesen 5735 mal)

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Flucht aus Stalingrad
« am: Fr, 14. Dezember 2007, 20:30 »
Als Obergefreiter saß ich, Kurt Dellbrück, in einem Sturmgeschütz der »Eisenritter-Brigade«, wie in der Dienstsprache die Sturmgeschütz-Brigade 243 hieß. Im Sommer 1942 war ich dabei, als die Brigade in einem 800-Kilometer-Vorstoß die Steppe des großen Donbogens durchstieß, den unteren Don und den Sal passierte, um sodann entlang der Bahnlinie Krasnodar-Proletarskaja-Kotelnikowo nach Stalingrad anzutreten.

Damit hatte uns der große Feuerofen an der Wolga geschluckt. Es ging durch die Kalmückensteppe, bis die Wolgahöhen vor Stalingrad auftauchten. Unsere Brigade wurde eingeschlossen. Täglich fielen weitere Geschütze aus, bis nur noch zwei Geschütze im Einsatz waren. In Pitomnik erlebten wir den letzten sowjetischen Großangriff auf Stalingrad.

»Achtung, die Russen kommen!« rief einer der vierzehn Infanteristen, die zusammen mit unseren beiden letzten noch intakten Geschützen an dieser Stelle des Kessels von Stalingrad, ungefähr einen Kilometer östlich des Flugplatzes Pitomnik, die Stellung halten sollten.

»Paß auf, Kurt, drüben hinter den Kusseln bewegt sich etwas«, warnte mich Paul Raabe, der Richtschütze an unserem Geschütz gewesen war. Das Geschütz stand jetzt ausgebrannt am Fuß der Höhe 119,7 nahe dem Drei-Hügel-Grab. Raabe und ich waren herausgekommen, als es nach einem Paktreffer plötzlich in Flammen stand. Wachtmeister Pötter und Ladekanonier Hintz waren im Geschütz verbrannt.

Dies alles ging mir durch den Kopf, während ich in die angegebene Richtung spähte. Plötzlich sah ich dunkle, ovale Flecke: Gesichter!

Ich zog den Abzug. Das MG 42 stieß und bockte in meinen Fäusten wie ein lebendes Tier. Drüben brüllte es auf, und mit einem Schlag taumelten, sprangen und schnellten die Sowjets dort empor, kamen brüllend heran.
»Urrä! - Urrä! - Urrä!«

Schräg hinter uns bellten zwei Abschüsse unserer Sturmgeschütze. Die Sprenggranaten hämmerten mitten in die russische Angriffswelle hinein und hinterließen reglos im Schnee liegende Gestalten und zwei schwarzgebrannte Flecke im weißen Teppich des Winters.

Wir hatten es noch einmal geschafft, und Raabe neben mir meinte: »Menschenskind, Kurt, das war haarscharf! Aber ich weiß, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis es den Rußkis gelingt, uns zu kassieren!«

»Mich nicht«, antwortete ich ihm. »Mich kriegen sie nicht!« fügte ich noch einmal hinzu, ohne zu wissen, wie ich dem unerbittlich nahenden Ende entkommen könnte.
In der kommenden Nacht schlief keiner von uns. Von allen Seiten hallte Salvengeschützfeuer, knallten Werfergranaterr auseinander, peitschten Feuerstöße.
Ein Melder kam zu uns durch.

»Karpowka ist gefallen! Pitomnik muß geräumt werden!« »Fertigmachen zum Heldentod!« ulkte Raabe. Aber ich hörte den verzweifelten Unterton durch die gewollte Forschheit.

Eine Minute später war Major Willy Riedel bei uns Sturmgeschützmännern.
»Brunisch«, sagte er dem Wachtmeister, der jetzt das einzige noch fahrbereite Sturmgeschütz befehligte, »Sie müssen in der Stellung bleiben, bis die Grenadiere geräumt haben. Ich lasse Ihnen ein paar Männer zum Schutz des Geschützes hier!«
»Wir bleiben mit Wachtmeister Brunisch hier«, hörte ich mich zu meiner eigenen Verblüffung sprechen.

»Also gut!« erwiderte Major Riedel. »Danke, Dellbrück! Er räusperte sich. »Sie müssen die nächsten vierundzwanzig Stunden hier allein halten, verstanden?«
Wir hatten verstanden. »Auch ohne Brille«, wie Raabe meinte.
Die Grenadiere zogen ab, Richtung Stalingrad-Mitte; wir blieben zurück.
Zwei Stunden später griffen die Rotarmisten erneut an.

Aus dem Geschütz Brunisch hämmerte ihnen Kanonen- und MG-feuer entgegen. Ich schoß aus dem MG. Der Spuk verschwand in der Abenddämmerung.
Als wenig später Wachtmeister Brunisch das Geschütz verließ, peitschte ein Schuß.
Brunisch stürzte kopfüber auf die Kettenabdeckung in den Schnee. Raabe und Stabsgefreiter Ackel krochen zu ihm hin und schleppten ihn in Deckung, während ich den Hügel mit Dauerfeuer belegte, bis der ganze Gurt durch war.
Wir bekamen ihn in Deckung und verbanden ihn notdürftig.

Im Morgengrauen griffen die Rotarmisten in weißen Schneehemden wieder an. Unteroffizier Klose fiel. Gefreiter Treek wurde schwer verwundet und starb während des Angriffs. Und Brunisch erlitt eine zweite Verwundung am Kniegelenk.
Aber wir schafften es noch einmal.
»Absetzen!« befahl Brunisch. »Mich laßt ihr hier!«
»Du bist wohl meschugge!« rief Otto Ackel, sein jahrelanger Richtschütze. Er hockte sich vor Brunisch und nahm ihn auf den Rücken, bis wir auf Major Riedel stießen, der mit seinem 170 V bereits zu uns unterwegs war.
»Alles aufsitzen!« befahl er.

Vom Feuer der Russen verfolgt, erreichten wir Gumrak und die dortliegende Werkstatt der Sturmgeschützbrigade 245.

Wir bekamen die letzte 18-Tonn-Zugmaschine. Wie Trauben hingen wir an dem wuchtigen Fahrzeug, als es sich in Bewegung setzte und mitten in die Hölle hineinfuhr, denn nur dort bestand für Brunisch eine Möglichkeit der Rettung. In Stalingrad-Mitte, wo noch immer einige Ju 52 landeten.

Als wir den Flugplatz erreichten, sahen wir an den Rändern die zerschossenen Ju 52 liegen.
»Es kommt gleich eine He 111!« sagte der Luftwaffenhauptmann. Die He 111 schwebte im dichten Feindfeuer ein, verschwand förmlich hinter den Detonationswolken und landete sicher.
Dann aber verwandelte sich der Flugplatz in eine Höllenlandschaft! Überall sprangen die Explosionsflammen empor. überall spritzten Dreck und Eis, Stahlsplitter und Flugzeugteile.

»Da kommen wir nicht durch, Kumpels!« sagte Wachtmeister Brunisch, und er wußte nicht einmal, daß er weinte.
Wieder war es Otto Ackel, der sich den Schwerverwundeten aufhuckte. Für eine halbe Minute vergaßen wir alles, vergaßen wir sogar unser eigenes Schicksal, als wir in die Hölle starrten, in der Ackel unterging, aus der er wieder auftauchte und durch die er hindurchkam und Brunisch in die Maschine brachte.
Die He 111 hob ab. Wachtmeister Brunisch wurde gerettet, wie ich viel, viel später erfuhr. Wir aber blieben zurück.

Wenig später erfuhren wir, daß die gesamte Westfront des Stalingradkessels eingedrückt sei und daß die versprochenen Entsatzkräfte nicht durchgekommen waren. In einer Besprechung entschlossen wir letzten Männer der Sturmgeschützbrigade 243 uns, nach Spartakowka durchzustoßen, wo wir die 24. Panzerdivision wußten. In der kommenden Nacht schlichen wir uns durch die bereits feindbesetzten Teile der Stadt nach Norden und erreichten das Traktorenwerk.

Generalmajor von Lanski, Kommandeur der 24. Panzerdivision, schickte uns in die Orowkaschlucht. Hier gerieten wir am 2. Februar 1943 in Gefangenschaft. Ein russischer General erschien und garantierte uns in der Gefangenschaft gute Behandlung, Behalten der Privatsachen, gute Verpflegung und gesunde Rückkehr in die Heimat nach Kriegsende.

Um 10.50 Uhr marschierten wir los, Richtung Norden. Eine Stunde später fielen die ersten Kameraden um und blieben im Schnee liegen. Diejenigen, die langsamer wurden, erhielten Kolbenschläge und Fußtritte. Zivilisten tauchten auf und filzten die Sterbenden.

»Hier kommt keiner davon, Kurt!« wisperte Paul Raabe mir zu, und ich wußte, daß es stimmte.

« Letzte Änderung: So, 04. Juli 2010, 17:44 von Adjutant »

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Re: Flucht aus Stalingrad
« Antwort #1 am: Fr, 14. Dezember 2007, 20:33 »
Bei Gorodischtsche wurde ein erster Halt eingelegt. Wir mußten von der Straße herunter, weil ein russischer motorisierter Verband aus nördlicher Richtung kam.

Genau neben uns hielt ein amerikanischer Dodge-Lastwagen. Es war fast dunkel geworden, der nächste Wagen stand fünfzig Meter weit entfernt.

Es war so, als hätte mir jemand zugeschrien: »Das ist die Rettung! «
»Paul«, wisperte ich dem Freund zu. »Auf den Wagen!«
Und dann schob ich mich an den Wagen heran, hob die Plane und spähte hinein. Ich kletterte hinauf, zerrte Paul Raabe hinein und wartete.
Nichts erfolgte. Wir krochen hinter die Kisten und Säcke. Dann setzte sich die Kolonne in Bewegung.


Der Hunger machte uns fast besinnungslos. Ich begann einen der Säcke zu filzen und fand - Trockengemüse. Wir kauten es, bis uns die Kiefer schmerzten.
Dann mußten wir eingeschlafen sein, denn ich erwachte durch einen scharfen Ruck. Gleichzeitig brüllte draußen ein paar Männer Befehle.

Vorsichtig hob ich die rechte Seitenfläche der Plane an. Wir fuhren wieder an, gelangten über eine Rampe auf einen offenen Güterwagen. Nach rechts spähend, sah ich ein beleuchtetes Schild. »KALATSCH«, konnte ich mühsam entziffern.
Dann hallte Stimmengewirr. Die rückwärtige Plane wurde hochgehoben. Zwei Russen stiegen ein.

Die nächsten zehn Minuten waren eine einzige Tortur. Es wurde rangiert. Dabei fiel mir eine Kiste auf den Oberschenkel. Ich hätte schreien können.
Dann wurde es einem der beiden Russen zu bunt. Er sprang vom Waggon herunter. In diesem Augenblick mußten wir handeln.

Paul Raabe, der näher bei dem zweiten Russen lag, warf ihm von hinten das Koppel um den Hals und riß ihn um. Ich wuchtete die Kiste von meinem Bein und warf mich auf den Russen, der wild um sich schlug.
Ja, wir töteten ihn, um nicht selbst umgebracht zu werden. Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Der zweite Russe war nicht zurückgekommen.
»He, Kurt, wir müssen ihm die Uniform ausziehen und ihn dann 'rauswerfen!« sagte Paul.


Wir zogen dem Rotarmisten die Uniform aus, und ich riß mir die alten Lumpen vom Leib und zog die Russenuniform an. Sie war noch warm.
Dann kippten wir ihn aus dem Wagen hinaus, und vom Boden des Waggons aus warfen wir ihn unter den Zug. Vom nächsten Waggon hallte ein Ruf. - Jetzt war alles aus!
»Zurück in den Wagen!« zischte ich Paul Raabe zu.

Mein Kumpel ging in Deckung, und ich richtete mich auf. »Was macht ihr da?« riefen die Rotarmisten vom anderen Waggon herüber.

Ich brüllte einen gemeinen russischen Fluch zurück und kletterte in den Wagen.
Dann beobachteten wir. Aber drüben beruhigte man sich schnell. »Wir schaffen es!« rief Raabe, als wir gegen Mittag des kommenden Tages die Station Obliffskij Kololowski erreichten.

Der Zug fuhr nach einem kurzen Zwischenaufenthalt weiter. Nach einigen Kilometern blieb er mitten in der weiten Schneewüste stehen. Der Fahrer und Beifahrer des Lastwagens, die es sich vorn auf den Pritschen bequem gemacht hatten, kamen aus dem Wagen heraus.

»Verdammter Mist!« knurrte Raabe, als sich der Fahrer um den Wagen herum auf uns - die vermeintlichen Rotarmisten - zubewegte, während der andere Russe absprang und ein paar Meter seitlich der Bahn seine Notdurft verrichtete. Der Fahrer hatte die Ladeklappe erreicht und schwang sich in den Wagen.

Ich schlug ihm den Feldspaten, den ich gefunden hatte, auf den Kopf. Er brach lautlos zusammen. Paul zerrte ihn nach hinten. In diesem Augenblick kam der Beifahrer zurück. Ich lehnte mich nur so weit hinaus, daß er mein Gesicht nicht erkennen konnte.
»Komm her!« rief ich ihm zu und ließ die Plane wieder fallen. Er kam. Und auch ihn bearbeitete ich mit dem Spaten.

Paul zog die Uniform des Fahrers an.
»Die Front ist ins Laufen gekommen«, meinte Paul, als bis zum Nachmittag nichts anderes zu sehen war als zwei lange Trecks deutscher Gefangener, die zu Fuß entlang der Bahnlinie in entgegengesetzter Richtung marschierten. Wir sahen auch die dunklen Flecken auf dem Schnee, die als Merksteine zurückgeblieben waren: erfrorene Kameraden.

Bystrij passierten wir in voller Fahrt. Dann ging es wieder langsamer, und schließlich hielt der Zug. Die Geleise waren gesprengt worden. Eine Stunde vor Mitternacht fuhren wir weiter, und gegen zwei Uhr morgens hielten wir endgültig in Wolzno Donetzkaja. Wir kletterten aus dem Wagen heraus, sprangen auf die Geleise und sahen, wie der Zug entladen wurde.

»Nichts wie ab! Wenn sie entdecken, was los ist, haben sie uns am Arsch!« sagte Raabe. Wir schlenderten nach rückwärts, erreichten das Ende des beleuchteten Bahnhofs und - standen einem Posten gegenüber.

»Wohin?« fragte er und trat noch einen Schritt vor.
Paul stieß ihm den Lauf der Russen-MPi gegen den Kehlkopf. Der Mann stürzte zu Boden. Wir rannten, was wir konnten, erreichten ein paar abgestellte Waggons, als die MPi des Postens in kurzen Feuerstößen peitschte.

Paul stieß einen spitzen Laut aus und taumelte. Er fing sich wieder, erreichte mit mir die Böschung, kroch hinauf, und dann    kollerten wir auf der anderen Seite wieder hinunter. Ein Karrenweg führte schnurgerade nach Süden.
Nach hundert Metern stürzte Paul zu Boden. »Ich kann nicht mehr«, keuchte er.
Ich half ihm auf. Wir taumelten weiter, erreichten eine schmale Waldbürste und verschwanden darin.

Ich verband die Schulterwunde Pauls. Dann gingen wir weiter, immer durch den Wald und dann durch eine schmale Balka nach Süden.
Es war bereits hell geworden, als wir eine verlassene Kate weit hinter dem Ortsrand von Vloljno Donetzkaja entdeckten.

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Re: Flucht aus Stalingrad
« Antwort #2 am: Fr, 14. Dezember 2007, 20:37 »
Ich half Paul, der bereits fieberte, auf den Boden des Heuspeichers und ging dann in die Kate hinein, um nach etwas Eßbarem zu suchen.

Was ich fand, war die Falltür zum Keller und unten im Keller - eine alte Frau, einen Greis und ein Mädchen. Sie starrten mich flehentlich an. Erst jetzt bemerkte ich, daß ich meine Waffe auf sie gerichtet hatte, und ließ sie sinken.

»Habt ihr etwas zu essen?« fragte ich in meinem Kauderwelsch, das ich in den Jahren in Rußland gelernt hatte.

Der Ausdruck ihrer Gesichter wandelte sich überraschend. Ich sah Hoffnung in den Augen, die mich anstarrten.
»Sie sind Deutscher?« fragte die Greisin noch zweifelnd. Ich nickte.

»Wo kommen Sie her?« fragte mich das Mädchen, und ihre Stimme schwang in einem wunderbaren Alt.»Aus Stalingrad«, erwiderte ich, und ihre Blicke wurden ungläubig.
»Dort ist keiner herausgekommen!« sagte der Alte.

»Doch, wir sind durchgekommen!« antwortete ich. »Mein Kamerad ist verwundet. Wir brauchen etwas zu essen und Tee.« »Sie dürfen nicht hierbleiben. Ich habe Angst. Die örtliche Partisanengruppe kann jeden Augenblick zurückkommen!« warnte mich der Greis. Und in knappen Worten erklärte er, daß sein Sohn Igor Maslow diese Gruppe verlassen hatte, als die Truppen der Roten Armee seine Frau mitgeschleppt hatten.
»Wir müssen sie in unser Versteck bringen, Großvater, zu Igor!« sagte das Mädchen.

Eine Minute lang überlegte der Alte, dann nickte er.
Wenig später brachen wir auf. Paul lag, in einen Pelz gehüllt, auf dem Schlitten, den ich zog. Das Mädchen Euphemia führte uns. Die grazile Gestalt zeichnete sich wie eine Fata Morgana vom hellen Morgenhimmel ab, bevor sie in den Wald einschwenkte.

Einmal stießen wir auf eine Partisanengruppe. Es gelang uns, rechtzeitig auszuweichen. Dann drangen wir in ein dichtes Gewirr junger Fichten ein. Nach dreihundert Metern blieben wir vor einem bewachsenen Erdhaufen stehen. Rechts davon standen ein paar Büsche, die nicht mit Schnee bedeckt waren. Und dann sah ich ein ungefähr fünf Zentimeter dickes Rohr, das neben einer Birke aus dem Hügel herausragte.

Wir hatten das Versteck gefunden, und Euphemia berichtete ihrem Bruder Igor, wer wir waren.
Wir blieben drei Tage und drei Nächte dort. Dann versuchte Igor Maslow, zur Kate seiner Eltern zu gehen. Er kam nicht wieder. Und als Euphemia und ich in der übernächsten Nacht nachsahen, fanden wir alle drei. Tot, verstümmelt.

Ich drängte das zitternde Mädchen ins Freie. Euphemias Kopf lag an meiner Schulter. Ich streichelte ihr weiches Haar, spürte die Wärme ihres Körpers und die kleinen, festen Brüste.

Es traf mich wie ein Schlag. Ich hatte Euphemia in den vergangenen drei Tagen immer wieder gesehen. Ihr Gesicht, die dunklen Augen und das schwarze Haar hatten mich bezaubert. Die Bewegungen ihrer Hände, wenn sie uns zu essen machte, hatten mich fasziniert. Aber erst in diesem Augenblick wußte ich, daß es nicht nur Dankbarkeit war, die ich für sie empfand.

Als habe sie meine Gedanken erraten, blickte sie auf. Tränen hingen an ihren langen Wimpern. Ihr Blick war groß, und dann nahm sie meine Hand, und wir gingen zurück.
In der nächsten Nacht kamen die Partisanen. Sie hatten unsere Spuren verfolgt. Es waren ungefähr zehn Männer. Sie kamen auf einem erbeuteten deutschen Wehrmachtswagen.


Paul und ich ließen sie bis auf zwanzig Meter herankommen. Dann eröffneten wir das Feuer. Keiner von ihnen entkam. Plötzlich hörte ich hinter mir eine Handgranaten-Detonation. Ich wirbelte herum, sah Euphemia auf einen dunklen Fleck zulaufen und folgte ihr. Der dunkle Fleck bestand aus zwei Körpern. Der eine war ein Russe, der andere - Paul Raabe.
»Er hat sich mit einer Handgranate selbst geötet, als Paul zu ihm ging«, flüsterte Euphemia. »Jetzt sind wir ganz allein!«
Ich nahm ihre Hand. Und dann küßten wir uns zum erstenmal. Es war ein scheuer, kurzer Kuß, aber es lag eine Welt darin und ein Versprechen.

»Wir nehmen den Wagen und fahren nach Westen. Kennst du einen Weg nach Woroschilowgrad?« Bei Woroschilowgrad stand die Front der Heeresgruppe Don, das hatte ich von Igor erfahren.

»Wir müssen bis Tsdzjekalow. Dort zweigt eine Straße ab, die wenig benutzt wird. Sie führt nach Kolzow. Von dort aus sind es nur noch fünfundzwanzig Kilometer bis zum Don.«

Wir fuhren los, flohen durch die winterliche Sumpfwildnis nach Westen.
Wir fanden eine verlassene Russenkate. In der Vorratskammer waren noch ein paar Kartoffeln und zwei Maiskolben. Wir aßen und tranken Wasser aus dem Brunnen.
In dieser Nacht gehörte Euphemia mir. Und in dieser Nacht gelobte ich mir, daß ich dieses Mädchen nie mehr verlassen würde. Wir blieben den ganzen anderen Tag in der verlassenen Behausung. Und auch noch die nächste Nacht.

Dann waren sie auf einmal da: Vier russische Partisanen! Sie rissen Euphemia hoch und mißbrauchten sie vor meinen Augen! Ich weiß nicht, was mit mir geschah. Ich brüllte und schrie und sprang den nächsten Russen an, der mich in Schach hielt. Meine Fäuste umklammerten seinen Hals. Die beiden anderen, die Euphemia festgehalten hatten, ließen von ihr ab und warfen sich auf mich. Sie schmetterten mir ihre Fäuste ins Gesicht. Sie traten mich, dann zog einer seine Pistole.

In diesem Augenblick krachte eine MPi-Garbe. Die beiden Widersacher stürzten zu Boden. Ich rappelte mich auf, sah Euphemia, völlig nackt, die Maschinenpistole des einen Russen in den Händen.

Und in diesem Augenblick schoß der Russe, der Euphemia genommen und sie dann zur Seite geschleudert hatte. Ich sah den roten Fleck unter ihrer linken Brust, während ich vorwärtssprang. Der Russe schoß auf mich, aber ich spürte den Streifschuß kaum.
Ich kam erst wieder zu mir, als der Mann still war. Dann taumelte ich zu Euphemia hinüber. Sie lag ganz still, versuchte zu lächeln. Sie erkannte mich, streckte die Hand nach mir aus, ich ergriff sie. Ihr Gesicht wurde von einem letzten Lächeln verschönt. So starb Euphemia, die mich gerettet hatte.

Mit dem Wagen der Partisanen fuhr ich wenig später los. Es war mir jetzt gleich, ob sie mich erwischten oder nicht. Das Leben schien zu Ende zu sein.
Aber es sah so aus, als würde mich Euphemia auch noch nach ihrem Tode beschützen: In einer russischen Kolonne fuhr ich bei Gunderowskaja über den Donez.

Ich fuhr einfach weiter, durch die rückwärtigen sowjetischen Stellungen. Durch eine Pak wurde mein Wagen zerschossen, Ich rannte, rannte, von Kugeln umzirpt. Und dann wurde ich bewußtlos.

Als ich erwachte, befand ich mich auf dem Verbandsplatz der 11. deutschen Panzerdivision und erfuhr, daß ich neben einem Unteroffizier, der inzwischen aber verstorben war, als einziger direkt aus Stalingrad zurückgekommen war.

Quelle:Kriegsschicksale in Dokumenten (1985)

mfg
Josef
« Letzte Änderung: Fr, 14. Dezember 2007, 20:39 von md11 »

 


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