Autor Thema: Die Roten Khmer-das Trauma Indochinas  (Gelesen 936 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Hubert

  • Global Moderator
  • Lebendes Inventar
  • *****
  • Beiträge: 3.268
  • Geschlecht: Männlich
Die Roten Khmer-das Trauma Indochinas
« am: Di, 14. April 2015, 14:59 »
Ein Artikel in der MZ vom 11.04.2015

Grüße Hubert

Die Roten Khmer – das Trauma Indochinas

Vor 40 Jahren begann die Schreckensherrschaft von Pol Pot. Heute träumt Kambodscha von einer großen Zukunft als Touristenziel.

Phnom Penh.Der goldgewandete Buddha lächelt. Ehrfürchtig legt Syden Won die Handflächen zusammen und neigt andächtig den Kopf zum Gebet. Zu Füßen der Statue haben Gläubige am frühen Morgen Bananen und Litschis niedergelegt. Der schwere Duft von unzähligen Räucherstäbchen steigt zum Anlitz des Erleuchteten auf. Noch ist es still. Doch Syden weiß, in wenigen Augenblicken werden die ersten Besucher der Tempelanlage kommen. Dann gehört das ewige Lächeln des Buddhas wieder den Kameras der Touristen aus aller Welt.
Seine Kindheit spielte auf einem Schlachtfeld

Als Syden das erste Mal hier im zentralen Tempel von Angkor Wat betete, war er ein junger Mönch und bereits vom Leben gezeichnet. Die Roten Khmer hatten seinen Vater, seinen älteren Bruder und seine Großeltern ermordet und ihn mit 14 Jahren zum Soldaten gemacht, einen von Tausenden.

„Meine Kindheit spielte auf einem Schlachtfeld. Es war eine schreckliche Zeit“, sagt der 36-Jährige aus einem Dorf bei der heutigen Touristenmetropole Siem Reap. Am 17. April 1975 begann mit der Einnahme der Hauptstadt Phnom Penh die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha. Noch heute sind die Spuren überall zu sehen. Wenn auch nicht immer auf den ersten Blick.
Der Ex-Kindersoldat führt heute Touristen zu den Tempeln

Nach seiner Zeit als Kindersoldat und buddhistischer Mönch lernte Syden Englisch und führt heute Touristen zu den Tempeln von Angkor, dem größten sakralen Baukomplex der Welt. „Die Roten Khmer hatten keinerlei Respekt vor dem kulturellen Erbe“, sagt Syden, „Sie haben vieles zerstört oder ins Ausland geschmuggelt, um an Geld für ihre Waffen zu kommen“. Unaufhörlich lächelnd schreitet er durch das mächtige Heiligtum und erklärt geduldig die eindrucksvollen Sandsteinreliefs aus dem 12. Jahrhundert. Sie haben den Bildersturm der Roten Khmer unbeschadet überstanden. In den dramatischen Schlachtszenen überschlagen sich Götter, Dämonen, gewaltige Herrscher, wütende Kriegselefanten und Tausende Soldaten. Daneben tummeln sich in endlosen Reigen anmutig lächelnde Tempeltänzerinnen.
Künstler, Intellektuelle und Mönche gnadenlos verfolgt

Die radikalkommunistische Guerillabewegung der Roten Khmer wollte unter ihrem Führer Pol Pot Kambodscha zu einem Bauernstaat umwandeln. Künstler, Musiker, Intellektuelle, buddhistische Mönche, Ärzte und Lehrer wurden als Feinde der Revolution verfolgt und ermordet. Die neuen Machthaber verschleppten die Bewohner von Phnom Penh und aller anderen Städte zur Zwangsarbeit aufs Land. Mehr als 1,7 Millionen Kambodschaner, etwa ein Viertel der Bevölkerung, kamen durch Vertreibung, Exekutionen, Hungersnöte, Entkräftung und Seuchen ums Leben. 1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer, aus dem Untergrund terrorisierten sie aber weiter das Land. Erst 30 Jahre später kam es zu ersten Prozessen gegen das Terrorregime.
Wie Thailand in den 70ern

Bei Phnom Penh können Touristen heute die so genannten Killing Fields besuchen, wo die Roten Khmer Zehntausende Menschen hinrichteten. Vor dem Grauen blieb auch die große Tempelstadt Angkor nicht verschont. In den Ruinen suchten Flüchtlinge Zuflucht vor den blutigen Auseinandersetzungen. Unzählige Minen machten noch lange nach den 70er Jahren das Areal der historischen Tempel schwer zugänglich. Was der Krieg nicht zerstörte, überwucherte der Dschungel.
Kunsthandwerk erlebt eine Renaissance

Im Zentrum von Siem Reap herrscht hektischer Verkehr. Heerscharen von Rikschas, voll beladene Mopeds und Backpacker drängen sich durch die Innenstadt. Gleich hinter dem Alten Markt liegen die Werkstätten von Artisans d’Angkor. In dem Kunsthandwerkerbetrieb mischt sich der Geruch von frisch gehobeltem Holz mit dem von gerade aufgetragenem Lack. Die Werkstätten der Holzschnitzer von Artisans d’Angkor sind ein Labor für das ganze Land. 1992 wurde damit begonnen, das jahrhundertealte Kunsthandwerk des Landes wiederzubeleben, das die Roten Khmer einst verboten und auszurotten versucht hatten. Ursprünglich wollte man für mittellose Landbewohner und Kriegsinvaliden eine Einnahmequelle schaffen. Heute gehören zu den 1300 Mitarbeitern in 42 Betrieben rund um Siem Reap einige der angesehensten Kunsthandwerker Südostasiens.
Der Traum, ein zweites Thailand zu werden
Die Werkstätten von Artisans d’Angkor, in denen auch Seide gesponnen wird, umfassen wieder 42 Betriebe. Fotos: Schumacher/dpa

„Wir haben hier alles, um ein zweites Thailand zu werden“, sagt Syden stolz. Mit seinem kulturellen Erbe, üppigen Landschaften und unberührten Inseln ist Kambodscha längst kein touristischer Geheimtipp mehr. Dennoch gibt es noch Gegenden, die bisher kaum besucht werden. Der Kampong-Som-Archipel, etwa 20 Kilometer von der Hafenstadt Sihanoukville entfernt, mag manchen langjährigen Thailand-Urlauber an Koh Samui in den 70ern erinnern. Damals entdeckten Aussteiger und Hippies das Tropenparadies für sich. Ihnen folgten bald die Backpacker und schließlich die Pauschalreisenden. Aus der einsamen Trauminsel wurde ein Ziel des Massentourismus.

Auf einigen der Inseln von Kampong Som kann man heute immer noch Robinson spielen. Die farbenprächtigen Korallenriffe haben Taucher meist für sich allein. Wer Glück hat, kann unter Wasser Meeresschildkröten und sogar Walhaie beobachten. Über der dicht bewaldeten Hauptinsel Koh Rong kreisen Weißbauchseeadler, Langschwanzmakaken turnen in den Baumkronen der Ufervegetation.
Fischer wurden als Zwangsarbeiter verschleppt

Die Roten Khmer hatten die Bewohner der Inselgruppe einst als Zwangsarbeiter auf das Festland verschleppt. Der gesamte Archipel wurde entvölkert. „Niemand von der damaligen Bevölkerung lebt noch hier“, sagt der alte Fischer Nuk Phoun aus dem Dorf Prek Svay. In den 80er Jahren kamen zunächst drei Familien vom Festland. „Die Menschen hatten Angst vor den Militärschiffen“, sagt Phoun, „aber die Fischgründe lockten sie“. Sie begannen die alten Dörfer wieder aufzubauen und den Wald zu roden. „Es ist nicht alles so unberührt, wie es auf den ersten Blick aussieht“, sagt Phalla Leng. Die Umweltbiologin forscht über die Auswirkungen der zunehmenden Fischerei um Koh Rong und die Nachbarinseln. „Überfischung ist heute ein großes Problem“, sagt Leng, „erst wurden die Krabbenbestände dezimiert, jetzt sind die Kalmare dran.“
Die erste High-End-Privatinsel Kambodschas

Lengs Boot schippert um den Südzipfel von Koh Rong. In der Bucht dahinter liegt der größte Ort der Insel. Entlang des Sandstrands reihen sich Fischerhütten und Gästebungalows aneinander. „Noch vor kurzem war Koh Touch ein verschlafener Fischerort“, sagt Leng. „Inzwischen kommen immer mehr Touristen hierher.“ Im Norden von Koh Rong hat schon vor Jahren ein Luxus-Resort auf den kleinen vorgelagerten Zwillingsinselchen von Song Saa geöffnet, der ersten High-End-Privatinsel Kambodschas.
Wird aus Koh Rong das nächste Koh Samui?

Von den Überwasser-Bungalows blicken Flitterwöchner mit Champagnergläsern in den Händen über den eigenen Infinity Pool auf das im Abendlicht glitzernde Meer. „In kleiner Zahl sind die Touristen gut“, sagen die Fischer von Sok San, „solange man sie unter Kontrolle hat.“ Noch ist ihre Insel ein abgeschiedener Flecken Dschungelgrün im Türkisblau des Golfs von Thailand. Sie werden nicht allein darüber entscheiden, ob Koh Rong das nächste Koh Samui wird.
Die Killing-Fields

    Mehr als 300 Stätten des Grauens

    Die Killing Fields sind eine Reihe von etwas mehr als dreihundert Stätten in Kambodscha, an denen bei politisch motivierten Massenmorden Schätzungen nach mindestens 200 000 Menschen durch die kommunistischen bzw. maoistischen Roten Khmer umgebracht wurden.
    Bis zu zwei Millionen Opfer

    Der Massenmord der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung im Demokratischen Kampuchea wurde von 1975 bis 1979 begangen. Die Gesamtzahl der Opfer der Roten Khmer dürfte sich im Bereich von ein bis zwei Millionen Menschen bewegen.

« Letzte Änderung: Di, 14. April 2015, 16:16 von Hubert »
MORTUI VIVENTES OBLIGANT "Die Toten verpflichten die Lebenden"

Offline md11

  • Global Moderator
  • Dauerschreiber
  • *****
  • Beiträge: 4.821
  • Country: 00
  • Geschlecht: Männlich
Re: Die Roten Khmer-das Trauma Indochinas
« Antwort #1 am: Di, 14. April 2015, 21:07 »
Hallo Hubert,
über den Massenmord der Roten Khmer kann man sehr viel schreiben.
Danke daß Du diesen Interessanten Bericht hier eingestellt hast.Hab auch sehr viele Berichte gesammelt im Laufe der Zeit.

Grüße
Josef

 


SimplePortal 2.3.2 © 2008-2010, SimplePortal