Autor Thema: So starb Hue  (Gelesen 3480 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline md11

  • Global Moderator
  • Dauerschreiber
  • *****
  • Beiträge: 4.742
  • Country: 00
  • Geschlecht: Männlich
So starb Hue
« am: Sa, 09. Februar 2008, 22:29 »
P.Neuhauser und H.Pabel erlebten den Untergang der alten vietnamesischen Kaiserstadt Hue.

Die Besatzung war tot, aber der zerschossene Panzer fuhr weiter, über ein Schwein, ein Motorrad, einen Karren, in das Geschäft des Pham Dong und blieb dort stecken.

Eine vierköpfige Familie lag tot auf der Straße, zwei große und zwei kleine Leintuchbeutel daneben, und nach jedem Mörsereinschlag rieselten Blätter von geknickten Alleebäumen auf die Toten.

Häuser stürzten, von Raketen getroffen, zusammen, brannten, Hühner schrien in den Ställen, MG-Salven schlugen durch Rolläden und Wände. Ein Kamin wankte sekundenlang und erschlug dann ein Kind, das sich, die Hände an die Ohren gepreßt, hinter der Hausmauer verkrochen hatte.

Mac Rademacher, 20, Scharfschütze beim 1. Bataillon des 5. US-Marine-Infanterie-Regiments, stieß mich an und zeigte mit dem Lauf seines M 16-Schnellfeuergewehrs auf seinen Helm. Darauf stand mit schwarzer Tinte: „I believe in luck" - „Ich glaube ans Glück". Dann feuerte er wieder, 20 Schuß in drei Sekunden.

Lucky Mac und zweihundert Ledernacken waren als Verstärkung vom US-Stützpunkt Phu Bai in die Schlacht um die schönste Stadt Südvietnams geworfen worden – den Kampf um die ehemalige annamitische Kaiserresidenz Hue. Einheiten des Vietkong und der nordvietnamesischen Armee (NVA), schätzungsweise 4000 Mann, hatten die   130 000-Einwohner-Stadt 640 Kilometer nördlich von Saigon im Zuge ihrer Neujahrsoffensive besetzt. Die schwachen amerikanischen Einheiten waren in ihrem Hauptquartier eingeschnürt, die Vietnamesen überrannt, ihr Hauptquartier gefallen.

Als wir eintreffen, haben die Amerikaner den südlichen Teil der Stadt zurückerobert. Kein Haus ist heilgeblieben. In den Ruinen sitzen noch immer rote Scharfschützen. Die Masse der Vietkong-Truppen hat sich im nördlichen Stadtviertel in der ummauerten Zitadelle verschanzt. Seit Wochen trotzen sie allen Angriffen zu Lande, zur Luft und von der See her.

„Wie die das aushalten, ist mir schleierhaft", sagte Sergeant Jack Harlan. Daß sie es können, zeigte sich zwei Minuten später: Acht Vietkong hatten sich in einem Dieselöllager 50 Meter vom amerikanischen Stacheldrahtverhau mitten unter südvietnamesischen Truppen versteckt gehalten und eröffneten plötzlich das Feuer.

Die Südvietnamesen schossen das Lager in Brand. Aber erst als das Feuer die Partisanen versengte, kamen fünf Vietkong heraus. Drei Verwundete blieben im Feuer und schossen weiter. Brennend und blutend bis zum Schluß.

Ohne erkennbare Regung in den kantigen, verschlossenen Gesichtern ließen sich die barfüßigen Gefangenen fesseln und zum Hubschrauberlandeplatz bringen. Dort hockten sie stundenlang auf den Fersen, den Kopf auf den Rücken des Vordermanns gelegt, bis ein Hubschrauber sie irgendwohin in ein Lager brachte.

Der Helikopter flog über eine Stadt, die einst Vietnams Zentrum an Kultur und Lebenskunst gewesen war: pastellfarbene, saubere Häuser mit gepflegten, mannshohen Hecken, breite Alleen, Teiche mit zierlichen Brücken, tiefgrüne Rasenflächen und Frauen mit auffallend ebenmäßigen Gesichtern.

Durch die Stadt fließt der„Fluß der Wohlgerüche". Er trägt seinen Namen zu Recht, Millionen Lotusblüten lassen ihn sogar jetzt noch duften. Früher schaukelten teakgetäfelte Sampans auf dem Wasser, die man (mit Mädchen) mieten konnte. Boote mit Gitarristen, Getränken oder Opium kamen auf Wunsch vorbei.

Nördlich des Flusses ragt die bis zu fünf Meter dicke Umfassungsmauer der Zitadelle auf. Dahinter liegen die ehemals kaiserlichen Paläste mit dem in Gold und Rot lackierten Thronsaal, Stallungen, Pagoden mit herrlichen Schnitzereien und Vasen, errichtet nach dem Vorbild der „Verbotenen Stadt" in Peking.

Hier residierte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges der letzte Kaiser von Annam, Bao Dai, eine Marionätte der Franzosen. 1945 übergab er das Staatssiegel dem alten Revolutionär Ho Tschi-minh, der heute Staatschef von Nordvietnam ist.

Ho Tschi-minh stammt wie viele bedeutende Vietnamesen aus Annam. So der nordvietnamesische Ministerpräsident Pham Van Dong, der legendäre Verteidigungsminister Giap, der südvietnamesische Staatspräsident Thieu und der mächtige buddhistische Oberbonze Thich Tri Quang.

Es ist ein kultivierter, arbeitsamer, genügsamer Menschenschlag, der hier lebt, sehr nationalistisch, überwiegend buddhistisch und konservativ. Die Annamiten sind gegen alles Fremde, gegen die Franzosen, gegen Saigon und gegen die Amerikaner. Viele Guerilla-Führer kommen aus Annam, und sie waren zuerst immer Nationalisten und dann erst Kommunisten. Im Gegensatz zu Saigon sind die meisten Kinder hier zu stolz, um zu betteln. Das quälende „give me cigarette" und „give me pi(aster)" ist in Hub kaum zu hören.

Das ist Hub heute: Auf dem Gelände der Universität liegen 8000 Flüchtlinge, ohne Wasser, ohne sanitäre Anlagen. Sie verrichten ihre Notdurft von den Balkonen oder im Freien. Sie kochen Tee und verheizen dabei alte Schriften und Shakespeare-Bände aus der Bibliothek.

Die vietnamesischen Ärzte sind geflohen. Ein paar katholische Schwestern versorgen elternlose - Kinder und Mütter mit Neugeborenen. Die ersten Cholera-Toten werden begraben, wo gerade Platz ist. Zwei beinamputierte Frauen müssen ihre Gliedstümpfe hochhalten,damit die Hunde nicht daran schnüffeln. Kinder spielen mit Giftflaschen, die sie aus der zerschossenen Pharmakologie geholt haben.

Das Krankenhaus ist verwüstet. Die Vietkong hatten sich zwischen den Patienten verschanzt, überwiegend Lepra-Kranken. Fliegenschwärme kommen aus Fensterhöhlen, hinter denen noch tote Patienten liegen. Ein paar vergessene Geisteskranke spielen mit nicht bestatteten Toten.

Die Ratten sind zu fett, um noch schnell zu laufen. Drei erschossene Vietkong liegen am Eingang neben einem Käfig, in dem hungrige Affen kreischen. Daneben hockt eine verwundete Frau, eine von Hunderten, die amerikanische oder andere Splitter abbekamen. Es ist regnerisch und kalt draußen, keine zehn Grad.

Ein paar hundert Meter vom Hospital entfernt liegt der einst elegante „Circle Sportif", wo sich die Gesellschaft von Hub zu Frühstück, Tratsch und Tennis traf. Die weißen Wände sind mit Blutflecken gesprenkelt, die Tennisplätze von Fahrzeugen gepflügt.

Um drei weiße Villen kämpft Marine-Infanterie, von Panzern unterstützt. Hier haben die deutschen Ärzte gewohnt, die in der Nacht zum 4. Februar von den Vietkong abgeholt wurden: der Kinderarzt Prof. Dr. Krainick und seine Frau Elisabeth, der Internist Dr. Discher, Vater von drei Kindern, und der Anästhesist Dr.Alteköster.Mit ihnen verschwand der 64jährige deutsche Orchesterdirigent Prof. Otto Söllner, der das Nationalkonservatorium von Hub betreute.

Offline md11

  • Global Moderator
  • Dauerschreiber
  • *****
  • Beiträge: 4.742
  • Country: 00
  • Geschlecht: Männlich
Re: So starb Hue
« Antwort #1 am: Sa, 09. Februar 2008, 22:33 »
Die drei Ärzte arbeiteten im Rahmen eines Partnerschaftsprogramms -zwischen den Universitäten Freiburg und Hub. Altekösters brauner VW-Variant, Kennzeichen 612-Z-9919, steht da, in der rechten Türtasche stecken noch die Neujahrswünsche für seine vietnamesischen Freunde. Daneben Krainicks beiger VW-Käfer, Kennzeichen 232-Z-1299.

Ihre Wohnungen sind verwüstet, in Altekösters Arbeitszimmer ist eine Rakete eingeschlagen. In Krainicks Wohnzimmer liegen MarineInfanteristen und feuern auf die Häuser gegenüber. Ein Leutnant ist unvorsichtig genug aufzustehen, ein Scharfschütze von gegenüber trifft ihn tödlich in die Brust.

Unter verstreuten Büchern und Papieren liegt der deutsche Paß von Frau Krainick, Nr. B 3968879, dazu leere Handtaschen und Terminkalender.

Es gibt viele Versionen, wie die Deutschen verschleppt wurden. Am wahrscheinlichsten ist diese: Ein Amerikaner namens Jefferson kam am Abend des 31. Januar, zu Beginn der kommunistischen Offensive, zu Krainicks und beschwor die Deutschen, sich zu verstecken. Der herzkranke Krainick hielt dies nicht für notwendig und verbarg nur den Amerikaner unter seinem Bett. Im Morgengrauen kam dann der Chauffeur von Professor Krainick - freiwillig oder unfreiwillig - mit einem Vietkong-Trupp. Das Ehepaar Krainick wurde abgeführt. Der Amerikaner blieb unentdeckt.

Professor Lam Ngoc Huyhn, Dekan der Philologischen Fakultät, sagte mir: „Die Vietkong haben speziell nach ausländischen Ärzten gesucht. Sie sollen sehr höflich gewesen sein." Er, seine Frau und ihre vier Monate alte Tochter sitzen jetzt in einem Zimmer des Flüchtlingslagers mit ein paar Windeln, einer Thermosflasche und einem Sack Reis. Damit geht es ihnen besser als den meisten anderen.

„Wir waren mit den Deutschen befreundet", erzählt die Frau. „Sie sind nach ihrer Festnahme noch zwei Tage in der Stadt gewesen und dann zu einem Vietkong-Verbandsplatz im Südwesten von Hue gebracht worden."

Dem Dekan und den anderen Professoren, die auf dem kalten Betonboden hocken, ist es ziemlich gleichgültig, wer die Stadt beherrscht. „Wir wollen in unsere Häuser zurück und Frieden haben", sagt er.

Aber der Frieden kommt nicht. Der Kampf um Hue ist zur längsten und erbarmungslosesten Schlacht dieses Krieges geworden. Die amerikanischen Panzer legen alle Häuser in Trümmer, in denen Scharfschützen sitzen oder auch nur vermutet werden. Der Gegner schießt mit Mörsern und Raketen zurück. Tritt einmal eine Feuerpause ein, ist die Stille bedrückend.

Ich liege mit Scharfschützen der Marine-Infanterie in einem Loch. Alle sind deutschstämmig und katholisch und betrachten das Töten als Job. Sie sind die wahren Landsknechte dieses Krieges. Sie glauben, was man ihnen sagt: Die Ledernacken sind die Allergrößten, sie sind die Elite, und ein toter Mariner ist immer noch ein Mariner.

Ein Leben gilt ihnen nichts, und in ihren Augen sind die Männer von der Army und der Luftwaffe alle „Pfeifen". Von Taktik halten die Mariner wenig, sie greifen an wie die Cowboys, und ihre Verluste (auch darauf sind sie stolz) sind dementsprechend.

Joe, ein 20jähriger aus Arizona, von seinen Kameraden „Frosch" genannt, sucht mit dem Zielfernrohr das gegenüberliegende Flußufer ab. Er hat schon über ein Dutzend bestätigte „Abschüsse", und sein Sergeant sagt stolz: „Meine Jungs schießen auch auf tausend Meter nicht daneben."

Ein toter Vietnamese ist ein guter Vietnamese

Der Frosch hat einen Mann im Visier, aber er zögert, denn vielleicht ist es ein südvietnamesischer Soldat. Eine Rückfrage bei der Funkzentrale ergibt „keine befreundeten Soldaten in diesem Gebiet".

Aber sicher ist das nie. Joe trifft den Mann am anderen Ufer in den Rücken. Sein Nebenmann, Gibbsy, ein Schwarzkopf aus Ohio, sagt: „Da ist wieder einer, aber ich glaube, das ist so ein verdammter Zivilist,"

„Der ist vielleicht morgen ein verdammter Vietkong", meint der Sergeant, „pack ihn."
Dann taucht, ich kann es durchs Fernglas sehen, aus einem Trümmerhaufen am anderen Ufer ein Gewehrlauf auf, ein Arm mit der blauroten Vietkongbinde folgt. Sekunden später hat der Frosch geschossen.

Zwischendurch erschießen die Scharfschützen, „um warm zu bleiben", streunende Hunde und Katzen. Die Vietkong antworten mit einer MG-Garbe, von irgendwoher, drei tote Mariners liegen im aufgeweichten roten Lehm.

„Hast du nicht Angst?" frage ich den Frosch. „Oft", sagt er, „aber dann bete ich."

Als es dunkel wird und die Mörser des Gegners das Flußufer belegen, betet er wirklich, eine Bierflasche zwischen den gefalteten Händen. Dann liest er mit einer Stablampe ein pornographisches Magazin, in dem nebenher für kulante Lebensversicherungen und Testamentsvordrucke (zwei Stück für einen Dollar) geworben wird.

Am nächsten Tag setzen wir mit Landungsbooten über den Fluß. Der Kampf um die Altstadt von Hue geht von Haus zu Haus. In fünf Stunden erobern die Amerikaner einen Block, dann müssen wir wieder zurück.

Wir können die Mauer der Zitadelle sehen. Ein zerschossener US-Panzer liegt davor, die Mannschaft daneben. Auf dem Turm weht die blau-rote Vietkong-Fahne. Die Amerikaner haben hohe Verluste. Zahlen verweigern sie, aber die Toten liegen zuhauf.

Phantom-Düsenjäger mit Napalm und 750-Pfund-Bomben greifen ein, dazu die Artillerie. Es ist ein ungeheuerliches Schauspiel der Vernichtung. Nach Stunden, der Rauch hat sich verzogen, rücken die Mariner wieder vor, aber der Feind hat überlebt und gibt Trommelfeuer.

Niemand weiß mehr genau, in welchem Haus Freund oder Feind sitzt, die Mörser- und MG-Stellungen sind oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Ausgepumpte Amerikaner schlafen trotz des entsetzlichen Kampflärms in jedem Loch, das sie finden können.

Niemand weiß, wieviel tote Zivilisten in den Ruinen liegen, niemand will es wissen, denn vielleicht sitzt doch noch ein Scharfschütze in den Trümmern. Nur südvietnamesische Soldaten ziehen gruppenweise umher und plündern die Häuser ihrer Landsleute.

Der Kampf um Hue geht in die vierte Woche, während ich dies schreibe. Über unbekannte Wege gelingt es den Vietkong, Nachschub in die Zitadelle und Verwundete aus der Stadt zu bringen.

Aber auch wenn Hue zurückerobert ist, bedeutet das nicht mehr als ein Komma in diesem Krieg. „Für die Freiheit ist kein Preis zu hoch", sagte der vietnamesische Vizepräsident Ky, als er 2000 Soldaten verabschiedete, die Saigons zerstörte Viertel wieder aufbauen sollen. Zu seinem maßgeschneiderten Luftwaffendreß trug er einen lila Seidenschal und spitze Schuhe. Seine manikürten Hände spielten mit einem schwarzen Damenfeuerzeug. Von den Rekruten auf Kommando beklatscht, verschwand er hinter dem Vorhang seines schwarzen Ford und fuhr von dannen.

Am nächsten Tag eröffneten die Vietkong die zweite Runde ihrer Offensive mit einem neuen Artillerie-Bombardement auf Saigon.

Quelle:Der Stern vom 03.03.1968

mfg
Josef

 


SimplePortal 2.3.2 © 2008-2010, SimplePortal